{"id":181,"date":"2015-08-22T13:02:17","date_gmt":"2015-08-22T11:02:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=181"},"modified":"2024-07-23T11:25:34","modified_gmt":"2024-07-23T09:25:34","slug":"vom-kleinglockner-zur-kletterwand","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=181","title":{"rendered":"Vom Kleinglockner zur Kletterwand"},"content":{"rendered":"<h3>In: K\u00e4rntner Jahrbuch der Politik, 2000: K\u00e4rnten als Bergland.<\/h3>\n<h3><\/h3>\n<h3><strong>Die Besteigung des Kleinglockners 1799<\/strong><\/h3>\n<p><em>\u201eDer Pfleger Joseph Kussian von Gro\u00dfkirchheim erhielt im Fr\u00fchjahr 1799 den Auftrag, die Besteigung des Gro\u00dfglockners vorzubereiten. Er fand in den Br\u00fcdern Klotz, Zimmermeister aus Heiligenblut, zwei ortskundige und wagemutige M\u00e4nner, die sich mit Feuereifer der gestellten Aufgabe annahmen. &#8230; Bereits bei der ersten Kundfahrt stie\u00dfen sie bis unter den Kleing<\/em><em>lockner vor &#8230;.\u201c \u00a0<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_185\" style=\"width: 448px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-185\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-185 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Glockner.jpeg\" alt=\"Glockner\" width=\"438\" height=\"351\" \/><p id=\"caption-attachment-185\" class=\"wp-caption-text\">Markus Pernhart, Gro\u00dfglockner von der Hohenwartscharte, 1857<\/p><\/div>\n<p>Es folgten einige Versuche auf den Gipfel des Kleinglockners aufzusteigen, die aufgrund schlechten Wetters scheiterten. Schlie\u00dflich konnten am 25. August 1799 die Br\u00fcder Klotz und der Physiker und Botaniker Sigismund von Hohenwart den zweith\u00f6chsten Punkt des Glocknermassivs erreichen.\u00a0Die vielen <em>Kundfahrten<\/em> auf den heimischen <em>Berg der Superlative<\/em> sowie die Vorarbeiten dazu, wie der Bau der Salmh\u00fctte und eines Reitweges durch das G\u00f6\u00dfnitztal, hatten sich gelohnt: \u201e<em>beseligt standen sie nach dem vielen fruchtlosen M\u00fchen am Ziel ihrer Tr\u00e4ume, auf dem Gipfel des Kleinglockners (3783m).\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wenngleich die Besteigung des Kleinglockners als Markstein der Erschlie\u00dfung der Ostalpen gilt, war sie keineswegs das <em>endg\u00fcltige<\/em> Ziel aller Tr\u00e4ume, denn kurz danach ging man bereits daran, die Expedition auf den Glocknerhauptgipfel f\u00fcr das Jahr 1800 vorzubereiten.\u00a0Waren 1799 \u00fcber drei\u00dfig Personen an der gro\u00dfen Kundfahrt beteiligt &#8211; die der Finanzier des Unternehmens, F\u00fcrstbischof Salm von Reifferscheidt, pers\u00f6nlich hoch zu Ro\u00df anf\u00fchrte, &#8211; so wuchs die Mannschaft im Jahr darauf auf \u00fcber sechzig Personen an, denn neben den K\u00f6chen, Dienstleuten, Tr\u00e4gern, Bauern und der pers\u00f6nlichen Gefolgschaft Salms folgten Wissenschafter aus aller Welt dem Ruf des am Hofe des F\u00fcrsten t\u00e4tigen Herrn von Hohenwart.<\/p>\n<div id=\"attachment_188\" style=\"width: 259px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-188\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-188 size-full\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Salm1.jpeg\" alt=\"Salm\" width=\"249\" height=\"203\" \/><p id=\"caption-attachment-188\" class=\"wp-caption-text\">Expedition auf den Glockner 1799<\/p><\/div>\n<p>Salm und von Hohenwart gelang es, die prominetnsten Forscher auf den Gebieten der Botanik, Geognostik, Astronomie, Mineralogie, Montanistik und Physik zur Erforschung der H\u00f6he um sich zu versammeln. Fielen die Wissenszuw\u00e4chse im Jahre 1799 noch eher d\u00fcrftig aus, weil die Messger\u00e4te der gro\u00dfen K\u00e4lte nicht standhielten, so konnten im Jahr darauf betr\u00e4chtliche Erfolge im Bereich der Erd- und Naturwissenschaften erzielt werden.<\/p>\n<p><strong>Der Mensch und die H\u00f6he<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>&#8222;Wer eine H\u00f6he, einen Gipfel erreicht,<br \/>\n<\/em><em>erhebt sich als souver\u00e4nes Subjekt<br \/>\n<\/em><em>\u00fcber die gegebene Welt.&#8220; (Simone de Beauvoir)<\/em><\/p>\n<p>Die H\u00f6he ist eine jahrtausende alte Metapher f\u00fcr das Spirituelle und Geistige, der Aufstieg ein Bild f\u00fcr <em>H\u00f6her<\/em>entwicklung. Der in die H\u00f6he strebende Mensch erhebt sich von den Niederungen der darunter liegenden Welt, bekommt \u00dcberblick und gewinnt Kontrolle. Am Gipfel angekommen wird er &#8211; wie Simone de Beauvoir es ausdr\u00fcckt &#8211; zum Souver\u00e4n.\u00a0War Petrarcas Bericht \u00fcber den Aufstieg auf den Mont Ventoux 1336 noch eine Allegorie f\u00fcr den spirituellen Weg des Individuums zum Heil, so \u00e4nderte sich die symbolische Bedeutung desselben durch die fr\u00fchen Erstbesteigungen. Mit ihnen ging der Aufstieg <em>des modernen<\/em> <em>Menschen<\/em> einher.<\/p>\n<p>Dem Menschen der Neuzeit gelang es nicht nur k\u00f6rperlich den Gipfel zu erreichen, kraft seiner Vernunft setzte er sich parallel dazu symbolisch auf den h\u00f6chsten Punkt.\u00a0War der \u00dcberblick von oben und die Macht Welt zu ordnen vorher g\u00f6ttlichem Willen vorbehalten, ringt der Mensch nun Gott die h\u00f6chste Position ab. Er wird zentral. Der Mensch nimmt die Rolle des Welterkl\u00e4rers f\u00fcr sich in Anspruch und gibt \u201eallem Sein das Ma\u00df\u201c(Heidegger), indem er es einzig auf sich r\u00fcckbezieht.<\/p>\n<p>Die H\u00f6he zu erforschen wird im Kontext des sp\u00e4ten 18. Jahrhunderts zum Symbol der Selbst-Erhebung des Menschen \u00fcber seine nat\u00fcrliche Umwelt. Folge der Losl\u00f6sung, Unterordnung und Beherrschung einer vorher buchst\u00e4blich als unberechenbar geltenden Natur ist, dass der neuzeitliche Mensch sich nicht mehr als Teil eines ganzheitlichen Systems empfindet. War das Ich vorher unaufl\u00f6sbar mit der Welt verbunden, so treten Welt und Ich nun auseinander. Noch heute sind im verantwortungslosen Umgang mit der Natur und der Verschwendung nat\u00fcrlicher Ressourcen die Sp\u00e4tfolgen des mit der Aufkl\u00e4rung aufkommenden Anthropozentrismus sicht- und sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens in der Postmoderne wird die totalit\u00e4re und instrumentalisierende Kraft der Vernunft kritisch relativiert und die \u201egro\u00dfen Erz\u00e4hlungen der Moderne\u201c, wie Lyotard die Etablierung der naturwissenschaftlichen Weltsicht ironisch bezeichnet, entpuppen sich als Geschichten von Herrschaft und Kontrolle.<\/p>\n<p><strong>Die Herrschaft der Zahl &#8230;<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_189\" style=\"width: 167px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-189\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  wp-image-189\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Suassure.jpeg\" alt=\"Suassure\" width=\"157\" height=\"206\" \/><p id=\"caption-attachment-189\" class=\"wp-caption-text\">Horace-B\u00e9n\u00e9dicte de Saussure<\/p><\/div>\n<p>Der Schweizer Forscher Horace-B\u00e9n\u00e9dicte de Saussure besteigt 1789 den Mont Blanc, er vermi\u00dft, ordnet, klassifiziert und umh\u00fcllt den Berg mit einem Netz von Zeichen.<br \/>\n<em>\u201eWas ich bereits gesehen hatte und noch mit der gr\u00f6\u00dften Deutlichkeit sah, war das Ganze von allen erhabenen Spitzen, deren <\/em>Organisation<em> ich schon l\u00e4ngst zu kennen, gew\u00fcnscht hatte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sofort z\u00fcckt er Kompass und Winkelmass und geht daran, die gesehenen Spitzen zu vermessen. Es ist die \u201eHerrschaft der Zahl\u201c, welche den Umgang mit der H\u00f6he charakterisiert. Koordinaten, Abmessungen, topografische Linien treten hervor, der Berg wird in einem abstrakten Raster aufgehoben. Die unter enormer Anstrengung hinauf geschaffenen Messbaromter, Thermometer, Haarhygrometer, Elektrometer, Messtische und Messketten dienen dazu, am Berg eine Ordnung zu etablieren, die seiner volumin\u00f6sen Masse des Berges gleichzeitig vorausgesetzt wird. Vom konkreten Raum losgel\u00f6ste Vorstellungen verdr\u00e4ngen Mythen und Legenden, welche im Gebirge ihre letzten Refugien fanden.<\/p>\n<p><strong>&#8230; und das Ende der Mythen <\/strong><\/p>\n<p>Berge galten \u00fcber Jahrtausende hinweg als heilig, in den unterschiedlichsten Kulturen dienten sie als Wohnsitze und \u00dcberg\u00e4nge zum Reich der G\u00f6tter oder als Orte g\u00f6ttlicher Offenbarung. Bis in die fr\u00fche Neuzeit galt das Betreten des H\u00f6henraumes entweder als frevelhafter Akt oder als schlichtweg uninteressant. Kein antiker Mensch h\u00e4tte in einer Bergtour einen wie immer gearteten Sinn erkennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id=\"attachment_191\" style=\"width: 269px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Hannibal.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-191\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-191 size-full\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Hannibal.jpeg\" alt=\"Hannibal\" width=\"259\" height=\"194\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-191\" class=\"wp-caption-text\">Hannibal \u00fcberquert die Alpen<\/p><\/div>\n<p>Wenn die H\u00f6he begangen wurde, dann f\u00fcr Kriegszwecke, ber\u00fchmtestes Beispiel hierf\u00fcr ist die \u00dcberquerung der Alpen durch Hannibal. Titus Livius beschreibt dieselben in seinem Bericht dar\u00fcber als \u201escheu\u00dfliche Erscheinung\u201c einer \u201evor Frost starrenden Natur\u201c.Noch im Mittelalter stellte die lebensfeindliche und unfruchtbare H\u00f6he einen <em>locus horribilis<\/em>, die Antithese des lieblichen <em>locus amoenus <\/em>dar, sie war Metapher f\u00fcr die Leere und das Nichts.<\/p>\n<p>Selbst nach der Entdeckung Amerikas blieb das Gebirge in Europa <em>terra incognita. <\/em>Noch im 16. Jahrhundert wurden nicht die Gipfel der Berge, sondern nur die zum Reisen notwendigen \u00dcberg\u00e4nge im Gebirge benannt. Im unerschlossenen H\u00f6henraum blieb Platz f\u00fcr Mythen, M\u00e4rchen und Legenden. Die Volkssagen des Mittelalters siedeln das Hexenwesen rund um den Berg an, in den M\u00e4rchen ist das Bergesinnere oft mit unermesslichen Reicht\u00fcmern und verborgenen Sch\u00e4tzen gef\u00fcllt, in den Sagen wird die H\u00f6he mit unheimlichen Gestalten wie Drachen, Berggeistern, Riesen und halb menschlich, halb tierischen Wesen bev\u00f6lkert. Auch fr\u00fche Formen der Wissenschaft beziehen ihr Wissen noch teilweise aus alten Mythen; so warnte der Z\u00fcricher Universalgelehrte Konrad Gesner 1555 noch vor der Besteigung des Pilatus bei Luzern, weil der dort wohnende Drache nicht gest\u00f6rt werden durfte.<\/p>\n<p>Ebenso rankt sich um die Entstehung des Glockners eine Sage: Hybride Menschen sollen um die \u00fcppigen Wiesen der Gegend um Glockner und Pasterze gelebt haben. Doch sie wu\u00dften die Reicht\u00fcmer der Natur nicht zu sch\u00e4tzen. Ein armer Zauberer, den die Reichen des Ortes abgewiesen hatte, verfluchte diese und seinem Fluch wurde durch eine h\u00f6here Gewalt Rechnung getragen: die gr\u00fcnen T\u00e4ler f\u00fcllten sich mit Unmengen von Schnee, die reichen Wiesen wurden vergletschert und aus den zu den Stein gewordenen Besitzern derselben entstand die Glocknergruppe.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der mittelalterliche Mensch sich niemals in die von Geistern bev\u00f6lkerten Gefilde der H\u00f6he vorgewagt h\u00e4tte, scheint der mit Barometern und H\u00f6henmessger\u00e4ten ausgestattete Mensch des 19. Jahrhunderts vollst\u00e4ndige Kontrolle \u00fcber das NaturFremde gewonnen zu haben. Im Zuge der Ordnung der H\u00f6he werden die anderen, welterkl\u00e4renden Wahrheiten von Mythen, Sagen und Legenden \u00fcber den Berg verworfen.<\/p>\n<p><strong>Vom Rauhen und Wilden zum Sch\u00f6nen und Guten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">&#8222;In den Bergen ist die Freiheit!&#8220; (Friedrich Schiller)<\/p>\n<p>Zeigte sich im Forschungsalpinismus das Auseinandertreten von Welt und Ich, so wird in der Romantik versucht, diese Spaltung wieder aufzuheben. Nach seiner Einordnung in ein Netz abstrahierender Zahlen und Linien wird der Berg nun quasi vom Gef\u00fchl in Besitz genommen. Die Natur habe als Spiegel der inneren Gef\u00fchle zu dienen, so Rousseau. Als Projektionsfeld f\u00fcr b\u00fcrgerliche Innerlichkeit bot sich der semantisch noch kaum aufgeladene Alpenraum an. Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung, der Alpenraum sei ein notwendigerweise zu \u00fcberwindendes Hindernis, beginnt Albrecht von Haller die \u201eSch\u00f6nheit\u201c der Schweizer Berge zu r\u00fchmen.<\/p>\n<p>Alles was vorher rauh und wild war, verwandelt sich in der Romantik zum Sch\u00f6nen, <a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/terra-incognita.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  wp-image-190 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/terra-incognita.jpeg\" alt=\"terra incognita\" width=\"366\" height=\"256\" \/><\/a>Guten und Unverf\u00e4lschten. Das Gebirge wird zur Antipode und zum idealisierten Sehnsuchtsraum der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, der Berg zum Ort der Selbstfindung und die Schweizer Alpen zum Pflichtprogramm f\u00fcr Reisende.\u00a0Aus dem fr\u00fchen Forschungsalpinismus, der romantischen Sehnsucht nach den Bergen und einer damit einhergehenden \u00c4sthetisierung der H\u00f6he entsteht um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Alpinismus als eigenst\u00e4ndiger Diskurs; und aus ihm tritt die heute als solches bekannte Figur des Bergsteigers hervor.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4mpfen und Fallen<\/strong><\/p>\n<p>War die Besteigung der Kleinglockners noch durch \u201eforschende Neugier\u201c motiviert, so tritt im 19. Jahrhundert an ihre Stelle die Lust zur Eroberung des Fremden. Der vorher nur indirekt sichtbar gewesene Wille zur Unterordnung der Natur, findet im kriegerisch aufgeladenen alpinistischen Wortschatz nun bildhaften Ausdruck.<\/p>\n<div id=\"attachment_192\" style=\"width: 232px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Whymper.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-192\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-192 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Whymper.jpeg\" alt=\"Whymper\" width=\"222\" height=\"298\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-192\" class=\"wp-caption-text\">Der Absturz vom Matterhorn, 1865<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr den Engl\u00e4nder Whymper wird die Besteigung des Symbolberges der Westalpen 1865, zum \u201eKampf um das Matterhorn\u201c: Whymper sprintet unter dem Gipfel in einem \u201eWettrennen\u201c gegen den Schweizer Starbergf\u00fchrer Croz an, um das \u201eMatterhorn zu besiegen.\u201c Gemeinsam besiegen sie dar\u00fcber hinaus die Nebenbuhler, die von der italienischen Seite aus versuchen, den Berg zu besteigen. Doch der Sieg wird von Whymper zu fr\u00fch bejubelt. Beim Abstieg fordert der gro\u00dfe Gegner Natur seine \u201eOpfer\u201c: vier Mitglieder der Mannschaft sterben, darunter auch Croz, wodurch der Abstieg zum Kampf gegen den Tod ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Wie der Aufstieg des Subjekts in die Bergesh\u00f6hen hat auch der Fall vom Matterhorn Symbolkraft: im Bild des Falls wird der H\u00f6henflug des neuzeitlichen Menschen radikal unterbrochen, die Erdanziehungskraft holt ihn zur\u00fcck zum Boden. Analog dazu tun sich statt der H\u00f6hen des Geistes zunehmend die Schr\u00fcnde, Spalten und Gefahren der Vernunft auf. Der Fall macht metaphorisch die Ausgesetztheit des m\u00e4nnlichen Subjekts auf seinem Weg in die H\u00f6hen des Welterkl\u00e4rers deutlich.<\/p>\n<p><strong>Der Bergsteiger : Mensch-Mann-Frau<\/strong><\/p>\n<p>Lacan, \u00dcbervater der Post-Freudianischen -Psychoanalyse, formulierte 1930 gleicherma\u00dfen pr\u00e4gnant wie lakonisch: \u201eLa femme n\u00b4existe pas.\u201cLacan meinte damit, dass die Frau im abendl\u00e4ndischen Diskurs, d.h. in allen Bereichen des Kulturellen, nicht existiere. Nebenbei erw\u00e4hnt sei, dass sich sein Bedauern angesichts dieser Feststellung durchaus in Grenzen hielt.<\/p>\n<p>Auch im Bereich des Alpinismus war die weibliche Stimme zweihundert Jahre kaum vertreten. Obwohl eine \u201everloren gegangene\u201c weibliche Geschichte des Alpinismus rekonstruiert wurde und aufzeigt, dass Frauen &#8211; sofern sie \u00fcber die finanziellen Mittel verf\u00fcgten &#8211; seit den Anf\u00e4ngen durchaus tatkr\u00e4ftig am Berg unterwegs waren, unterlie\u00dfen die Chronisten alpiner Zeitgeschichte oftmals schlichtweg ihre Erw\u00e4hnung. Die Frau existierte am Berg nicht, weil ihr die den M\u00e4nnern vorbehaltene Eroberung des freien Raumes nicht zugestanden wurde. Eine b\u00fcrgerliche Frau beispielweise brauchte, um auf Reisen zu gehen, die offizielle Erlaubnis ihres Mannes.<\/p>\n<div id=\"attachment_193\" style=\"width: 336px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Brevoort.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-193\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-193 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Brevoort.jpeg\" alt=\"Brevoort\" width=\"326\" height=\"216\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-193\" class=\"wp-caption-text\">Margret Claudia Brevoort mit ihren Bergf\u00fchrern<\/p><\/div>\n<p>In anderer Form an Bewegungsfreiheit mangelte es Felicit\u00e9 Carell. Diese wollte 1876 mit ihrem Vater das Matterhorn besteigen, scheiterte letztlich jedoch daran, dass ihre Krinoline, d.i. ein weiter Reifenrock, sich st\u00e4ndig am Fels verfing und drohte sie hinabzurei\u00dfen. Magret Claudia Breevort bestieg 1874 die Jungfrau im Winter &#8211; eine au\u00dfergew\u00f6hnliche alpinistische Leistung zur damaligen Zeit -, der Zutritt zum renommierten British Alpine Club wurde ihr als Frau jedoch verwehrt. Die Geschichte erh\u00e4lt ihre besondere Pointe allerdings dadurch, da\u00df quasi als Ersatz ihre Begleith\u00fcndin \u201eTschingel\u201c die Ehren einer Aufnahme erfuhr.<\/p>\n<p>Die weibliche Stimme zu erheben und sich einzuschreiben in die Legenden der H\u00f6he gelang 1978 dem Team rund um Arlene Blum. Der Frauenexpedition bestieg als \u201eerste\u201c Frauen und als \u201eerste\u201c Amerikaner die \u00fcber achttausend Meter hohe Annapurna.<\/p>\n<p><strong>Von der K\u00f6rperKunst zur Kletterwand <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDer Kletterer, der sich eine Linie durch die Wand ausdenkt, und diese mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen kletternd realisiert, ist ein K\u00fcnstler: sein Talent dr\u00fcckt sich prim\u00e4r in der Linie, in seinem Empfinden f\u00fcr seine Linie aus. Die Wahl seiner Linie sagt viel \u00fcber ihn aus.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Wo der Machtanspruch hinter die Auseinandersetzung mit dem Berg zur\u00fccktritt, lassen sich Analogien zwischen Klettern und Kunst finden. Reinhold Messner sieht in Erstbegehungen kreative Akte, weil der Kletternde sich dabei mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen &#8211; wie der Maler mit dem Pinsel &#8211; auf origin\u00e4re Weise in die leere Wand einschreibt.<\/p>\n<p>Doch Ende der neunziger Jahre werden spektakul\u00e4re Erstbegehungen zunehmend seltener, die letzten wei\u00dfen H\u00f6henFlecken wurden bereits von Routen \u00fcberzogen. Die Kreativit\u00e4t beim Klettern weicht der Fokussierung auf lineare Leistungssteigerung. Sogenannte \u201eenchainements\u201c, bei denen mehrere schwere Routen direkt aneinader gereiht werden, dienen der Erzielung neuer Spitzleistungen, bergen aber keinerlei kreatives Potential mehr in sich.<\/p>\n<p>Trotz der Auff\u00fcllung des H\u00f6henraumes mit Bedeutungen, herrscht nach zweihundert Jahren im Alpinismus Leistungsleere. Auch im vormals vom alternativen <em>life-style<\/em> gepr\u00e4gten Bereich des Sportkletterns bleibt angesichts der Konzentration auf Wettk\u00e4mpfe wenig Raum f\u00fcr Selbstverwirklichung.<\/p>\n<p>1999, Lienz\/Osttirol, 20.00h, Beginn der Kletterperformance \u201cApokalypse\u201c:\u00a0Tausend Augenpaare starren fasziniert auf die mit Gitterrosten verkleidete Fassade eines Schulinnenhofs. Laut t\u00f6nen Hammerschl\u00e4ge, zwei schwarze S\u00e4rge h\u00e4ngen an der Mauer. Dann setzt die Musik ein und aus den Fenstern tauchen in Alu- und Plastikfolie geh\u00fcllte Gestalten und klettern am Gitterost \u00fcber die Fassade. Die Szenerie wird in grellrotes Licht getaucht. Am Dach erscheint ein weissgekleidete Frau und besingt in lateinischen Versen den bevorstehenden Weltuntergang. Ein schwarzgekleideter Mann mit Gesichtsmaske sch\u00fcttet aus dem eingeschlagenen Fenster Farbe auf die Kletternden.<\/p>\n<p>Mittels einer phantastische Choreografie aus Licht, Klang, Farbe und Bewegung wird die Kletterwand mit neuen Bedeutungen versehen. Neben der k\u00fcnstlerischen Inszenierung kommt es dem Aktionisten Dieter Remler darauf an, gesellschaftskritischen Inhalten zu vermitteln. Mit seiner Kletterperformance \u201eApokalypse\u201c dr\u00fcckt er seine Besorgnis \u00fcber Umweltverschmutzung, Ma\u00dflosigkeit, Konsumgier und die Zerst\u00f6rungswut des Menschen aus.<\/p>\n<p>Ich und Welt werden zueinander in Bezug gesetzt und mittels des Aktionismus eine Gegenschrift zur 1799 begonnen Eroberung des Fremden der Natur entworfen. Auf der Kunstwand, mit dem K\u00f6rper.<\/p>\n<p><strong>conclusio<\/strong><\/p>\n<p>Der Berg &#8211; von 1799 bis 1999. Auf den Versuch \u00dcber-blick zu gew\u00e4hren, wurde in diesem kleinen Rundgang bewusst verzichtet. Vielmehr wurden die schmaleren Pfade willk\u00fcrlich herangezogener Beispiele zum Thema \u201eBerg\u201c gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Nicht losl\u00f6sbar von diesem Text sind meine pers\u00f6nlichen Erfahrungen mit und auf dem Berg. Beim Klettern, beim Schitourengehen, beim Wandern und im Umgang mit Menschen, die dabei sind, das Bergsteigen f\u00fcr sich entdecken.<\/p>\n<p>Erschienen in: K\u00e4rntner Jahrbuch der Politik, 2000: K\u00e4rnten als Bergland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In: K\u00e4rntner Jahrbuch der Politik, 2000: K\u00e4rnten als Bergland. Die Besteigung des Kleinglockners 1799 \u201eDer Pfleger Joseph Kussian von Gro\u00dfkirchheim erhielt im Fr\u00fchjahr 1799 den Auftrag, die Besteigung des Gro\u00dfglockners vorzubereiten. 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