{"id":387,"date":"2018-08-12T16:09:14","date_gmt":"2018-08-12T14:09:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=387"},"modified":"2024-09-15T12:53:13","modified_gmt":"2024-09-15T10:53:13","slug":"foucault-auf-facebook-selbsttechniken-in-der-digitalen-kultur","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=387","title":{"rendered":"Leseprobe"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><object class=\"wp-block-file__embed\" data=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Leseprobe.pdf\" type=\"application\/pdf\" style=\"width:100%;height:390px\" aria-label=\"Einbettung von Leseprobe.\"><\/object><a id=\"wp-block-file--media-e9d775ad-b490-41d1-b325-a50302d31b12\" href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Leseprobe.pdf\">Leseprobe<\/a><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Leseprobe.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-e9d775ad-b490-41d1-b325-a50302d31b12\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>Leseprobe<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a>Die machtfreie Welt der Regionalbank<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p>In den vergangenen Jahren hielt ich an der Universit\u00e4t Klagenfurt Feldforschungs-Seminare zum Thema \u201eMacht und Organisation\u201c ab. Es ging darum, die Studentinnen und Studenten f\u00fcr das Thema Macht in Organisationen zu sensibilisieren und damit auf ihre k\u00fcnftige Berufst\u00e4tigkeit vorzubereiten. Ein Student brachte dies so auf den Punkt: \u201e<em>Das Thema Macht in Organisationen ist so wichtig und wir machen uns so wenig Gedanken darum<\/em>.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erforschten die Macht in unterschiedlichen Organisationen: in der Universit\u00e4t, einer B\u00e4ckerei, einer Schokoladenfabrik, einem Kindergarten, einer Polizeischule, einer Arztpraxis, einem Jugendheim, einem Studentenwohnheim, dem lokalen Franchise-Unternehmen einer Modekette und in einem Essens-Lieferservice. Wir gingen dabei nicht von einem abstrakten Modell, sondern von der&nbsp;<em>Analyse konkreter Praktiken<\/em>&nbsp;der Macht aus. Mit der Machtanalytik Foucaults im Rucksack erforschten die Studentinnen und Studenten den Einsatz von Disziplinartechniken und \u00dcberwachungsregimen in Organisationen, sie erforschten die Ordnungen von Raum, Zeit und K\u00f6rper, Techniken der Normierung des Verhaltens, sie beobachteten, wo kleine Widerst\u00e4nde auftauchten und wie die F\u00fchrungskr\u00e4fte damit umgingen. Ziel war es, die Mikro-Techniken der Macht, die in diesen Organisationen eingesetzt wurden und deren Wirkungen wahrzunehmen, zu hinterfragen und danach gemeinsam zu reflektieren. Die Methoden der Feldforschung waren teilnehmende Beobachtung sowie quantitative und qualitative Interviews.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurde das Ergebnis eines Interviews pr\u00e4sentiert, das mich verdutzt zur\u00fcck lie\u00df: Eine Gruppe sprach mit dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer Regionalbank gesprochen und dieser erkl\u00e4rte ihr voll Stolz: \u201e<em>Bei uns gibt es keine Macht mehr, wir haben die Macht abgeschafft<\/em>. Bei uns haben die Mitarbeiter ein Mitspracherecht, sie k\u00f6nnen ihre Ideen einbringen und ihre Arbeitsprozesse selbst gestalten. Wenn Probleme auftreten, dann suchen wir gemeinsam nach L\u00f6sungen, die f\u00fcr alle passen.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Frage, welche Sanktionen es bei Fehlverhalten g\u00e4be und wie er mit Widerst\u00e4nden umginge, antwortete der&nbsp;&nbsp;Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer: \u201eWiderstand gibt es bei uns nicht. Manchmal stellen \u00e4ltere Mitarbeiter die Notwendigkeit von Ver\u00e4nderungen in Frage, weil sie lieber an den gewohnten Abl\u00e4ufen festhalten, aber dann \u00fcberzeuge ich sie einfach davon, dass diese Ver\u00e4nderungen notwendig sind. Sanktionen gibt es keine, wir sind ja schlie\u00dflich nicht mehr im Mittelalter, bei einem Fehlverhalten f\u00fchre ich ein aufkl\u00e4rendes Gespr\u00e4ch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer sagte, klang wie die Wiedergabe eines Management-Ratgebers: Keine Macht, kein Widerstand, keine mittelalterlichen Sanktionen, stattdessen Mitspracherecht, Autonomie bei der Gestaltung des Arbeitsprozesses, Partizipation durch das Einbringen von Ideen, L\u00f6sungsfokus statt Problemfokus, gemeinsames Suchen nach L\u00f6sungen, da diese auch f\u00fcr alle passen m\u00fcssen. Das alles begleitet von Kommunikation, Kommunikation und Kommunikation: von aufkl\u00e4renden Gespr\u00e4chen und \u00dcberzeugungsarbeit. \u00dcberzeugung war aus Sicht des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers vor allem bei den \u00e4lteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern n\u00f6tig, da diesen die Notwendigkeit von Ver\u00e4nderungen nicht sofort einleuchtete, sie diese in Frage stellten und an gewohnten Arbeitsabl\u00e4ufen festhalten wollten. Nach Aussagen des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers schien sich in der Regionalbank die Utopie einer sch\u00f6nen neuen machtfreien Welt der Organisation verwirklicht zu haben. Selbst im Wortschatz kamen Begriffe wie \u201eMacht\u201c oder \u201eHierarchie\u201c nicht mehr vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aussagen des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers erschienen mir v\u00f6llig realit\u00e4tsfern und es w\u00e4re interessant gewesen herauszufinden, ob seine Mitarbeiter, vor allem die \u00e4lteren, diese Sicht der Dinge best\u00e4tigt h\u00e4tten. Nun k\u00f6nnte man dies als Selbstdarstellung einer F\u00fchrungskraft oder als Darstellung der h\u00fcbschen Schauseite der Organisation abtun, doch diese Deutung schien mir zu einfach. In den Aussagen des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers und in den W\u00f6rtern, die er gebrauchte, kam keineswegs nur seine subjektive Sichtweise zum Ausdruck, vielmehr kam ein Diskurs zum Vorschein, welchen der Organisationssoziologe Stefan K\u00fchl als \u201eDiskurs der neuen Managementgurus\u201c (2015, 78) bezeichnet und welchen ich im Folgenden&nbsp;<em>Diskurs der sch\u00f6nen neuen machtfreien Welt der Organisation<\/em>&nbsp;nennen m\u00f6chte.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Unbehagen angesichts dieses Diskurses, dem doch eine so \u201eharmonische Sozialutopie\u201c (Br\u00f6ckling 2007, 195) zugrunde liegt, erfasste mich, denn aus dem Diskurs waren alle Spuren der Macht und des Kampfes um die Macht sowie alles Destruktive, das mit Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen in Verbindung steht, getilgt worden. Mein Unbehagen r\u00fchrte auch daher, dass ein fl\u00fcchtiger Blick auf Machtverh\u00e4ltnisse in Organisationen gen\u00fcgt, um zu erkennen, dass dieser Diskurs nicht stimmt, dass die W\u00f6rter und die Sprache, die verwendet werden, falsch sind, dass mit dieser Sprache die Wirklichkeit nicht benannt, sondern vielmehr verschleiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie zeigt sich nun die Macht in Organisationen? Macht wird in diesen prim\u00e4r als hierarchische Macht verstanden und die Hierarchie basiert auf einem System von \u00dcbergeordneten und Weisungsempf\u00e4ngern, sie legt fest, wer wem unterstellt und wer wem \u00fcbergeordnet ist (K\u00fchl 2015, 97). Lange Zeit galt die Hierarchie unhinterfragt als die prim\u00e4re Technik der Macht in Organisationen. Wir werden sp\u00e4ter noch detaillierter darauf eingehen, aber aufgrund einer allgemeinen Demokratisierung der Gesellschaft und einer Ver\u00e4nderung des Umfeldes der Organisationen wurde die Hierarchie in den letzten Jahrzehnten kritisch hinterfragt und es wurden neue Formen der Organisation, wie die Matrixorganisation, entwickelt. Macht sollte in dieser nicht mehr von der Spitze der hierarchischen Pyramide&nbsp;<em>top down<\/em>nach unten flie\u00dfen, sondern vielmehr auch quer, also horizontal, und von unten,&nbsp;<em>bottom up,&nbsp;<\/em>nach oben. Die hierarchische&nbsp;<em>Macht der Organisation<\/em>&nbsp;sollte durch die demokratische&nbsp;<em>Organisation von Macht<\/em>&nbsp;auf horizontaler Ebene, abteilungs\u00fcbergreifend und in Gruppen ersetzt werden. Machtmonopole sollten damit aufgeweicht und Mitarbeiter an Entscheidungsprozessen teilhaben k\u00f6nnen. (K\u00fchl 2017)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Reduktion hierarchischer Ebenen in Organisationen schien sich der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Regionalbank zu beziehen, als er meinte: \u201eBei uns gibt es keine Macht mehr. Wir haben die Macht abgeschafft.\u201c Doch ist Macht in Organisationen ident mit Hierarchie, l\u00e4sst sie sich auf hierarchische Macht reduzieren? Und wurde die Hierarchie wirklich abgeschafft? Wohin f\u00fchrte die Vision eines machtfreien Raumes in der harten Realit\u00e4t des Organisationsalltags? L\u00f6st sich der Antagonismus von M\u00e4chtigen und Machtlosen wirklich auf, wenn dieser aus dem Diskurs eliminiert wird?&nbsp;<br><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a>Webers ber\u00fchmte Definition von Macht<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p>Ich konnte die Aussagen des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers der Regionalbank nicht einfach so stehen lassen. Wie Sherlock Holmes begann ich damit, die Aussagen nach Widerspr\u00fcchen zu untersuchen. Dabei ging ich von der wohl ber\u00fchmtesten Definition von Macht aus, welche vom deutschen Soziologen Max Weber (1864-1920) stammt, der auch als Begr\u00fcnder der Organisationssoziologie gilt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Weber unterschied zwischen Macht und Herrschaft und bezeichnete mit Herrschaft den hierarchisch-b\u00fcrokratischen Apparat der Organisation. Herrschaft beruhe auf Befehl und Gehorsam, auf Anordnung und Umsetzung, im Unterschied dazu habe Macht viele Gesichter und k\u00f6nne sich in vielen unterschiedliche Formen zeigen, so Weber. Weber definierte Macht folgenderma\u00dfen:&nbsp;\u201eMacht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht [\u2026] Der Begriff der \u00b4Macht\u00b4 ist soziologisch amorph. Alle denkbaren Qualit\u00e4ten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen k\u00f6nnen jemand in die Lage versetzen,&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hier bestellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.turia.at\/titel\/wkrainz.php\">https:\/\/www.turia.at\/titel\/wkrainz.php<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Neue-Medien.jpeg\"><br><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leseprobe Die machtfreie Welt der Regionalbank In den vergangenen Jahren hielt ich an der Universit\u00e4t Klagenfurt Feldforschungs-Seminare zum Thema \u201eMacht und Organisation\u201c ab. 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