{"id":478,"date":"2018-10-14T13:28:32","date_gmt":"2018-10-14T11:28:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=478"},"modified":"2024-07-23T11:18:27","modified_gmt":"2024-07-23T09:18:27","slug":"facetten-der-moderne","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=478","title":{"rendered":"Facetten der Moderne. Alpinistische Praktiken im Spiegel der Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<h3>In: Alpenvereinsjahrbuch BERG 2019.<br \/>\nHg. DAV (M\u00fcnchen), \u00d6AV (Innsbruck), Alpenverein S\u00fcdtirol (Bozen).<\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Banner-BERG2019.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  wp-image-493 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Banner-BERG2019-300x138.jpg\" alt=\"Banner-BERG2019\" width=\"341\" height=\"157\" srcset=\"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Banner-BERG2019-300x138.jpg 300w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Banner-BERG2019-1024x471.jpg 1024w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Banner-BERG2019.jpg 1667w\" sizes=\"(max-width: 341px) 100vw, 341px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Facetten-der-Moderne.pdf\">Facetten der Moderne<\/a>\u00a0(Download als PDF)<\/p>\n<p>Der Frage \u201eWas treibt uns an?\u201c soll mit der Darstellung der Entwicklung alpinistischer Praktiken vom Beginn der Moderne bis heute begegnet werden. Dabei wird nicht auf \u201eden Alpinismus\u201c im engeren Sinne fokussiert, es werden auch \u00e4ltere Praktiken wie das Botanisieren\u00a0als auch gegenw\u00e4rtige Praktiken wie das Hallenklettern miteinbezogen. Diese Praktiken entwickeln sich vor dem Hintergrund zweier gegenl\u00e4ufiger gesellschaftlicher Bewegungen: 1. der Rationalisierung und dem Glauben an den Fortschritt und 2. der oppositionellen Bewegung der Kritik daran. Von Beginn an tr\u00e4gt der Alpinismus daher die Widerspr\u00fcche in sich, welche f\u00fcr die moderne Gesellschaft charakteristisch sind.<\/p>\n<p><strong>Teil I: Die Moderne<\/strong><\/p>\n<p>Die Moderne kann als ein Prozess der tiefgreifenden Ver\u00e4nderung gesellschaftlicher Strukturen und Denksysteme begriffen werden. Im 18.\u00a0Jahrhundert beginnt sich mit der Aufkl\u00e4rung eine rationale, auf der Vernunft basierende Ordnung durchzusetzen. Dies f\u00fchrt zur Entstehung der Naturwissenschaften und dazu, dass die Natur zum Objekt der Erkenntnis wird.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Erforschen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Alpinismus entwickelt sich parallel zur Entdeckung und Inventarisierung der Welt im Laufe des 18. und 19.\u00a0Jahrhunderts. Im Jahr\u00a01786, drei Jahre vor der Franz\u00f6sischen Revolution, wird der Mont Blanc durch den Arzt Paccard und den Kristallsucher Balmat erstmals bestiegen. In Auftrag gegeben wird die Erstbesteigung durch den Genfer Naturforscher Horace-B\u00e9n\u00e9dict\u00a0de Saussure. Dieser z\u00e4hlt zu den Begr\u00fcndern der Geologie und der Glaziologie (Gletscherkunde), auch zur Botanik leistet er wesentliche Beitr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Saussure erforscht bereits seit 1760 die Westalpen, insbesondere die Gegend um Chamonix und setzt Geld f\u00fcr die Erkundung einer Aufstiegsroute auf den Mont Blanc aus, um vom Gipfel aus geologische Beobachtungen und Messungen der Luftfeuchtigkeit machen zu k\u00f6nnen, wof\u00fcr er eigens Messinstrumente entwickelt. Eines dieser Instrumente, das \u201eCyanometer\u201c, dient der Messung der unterschiedlichen Blauschattierungen des Himmels.<\/p>\n<p>Das Milieu, in dem sich de Saussure bewegt, ist bestimmt durch einen der bedeutendsten Universalgelehrten des 18.\u00a0Jahrhunderts:\u00a0den Schweizer Arzt, Dichter und Naturforscher Albrecht von Haller, der durch seine botanischen Studien schon fr\u00fch das Hochgebirge kennenlernt. In seinem ber\u00fchmten Gedicht \u201eDie Alpen\u201c aus dem Jahr 1729 widmet Haller drei Strophen der Beschreibung der Alpenflora und regt zur Suche nach Kriterien an, wie diese zu klassifizieren w\u00e4re. Haller will die Pflanzen der verschiedenen H\u00f6henz\u00fcge und T\u00e4ler der Schweiz erkunden, beschreiben und in eine Ordnung bringen. Sein Gedicht birgt ein Forschungsprogramm und steht am Anfang des naturwissenschaftlichen Interesses f\u00fcr die Alpen.<\/p>\n<p>Die Grundlage f\u00fcr diese neue \u201eOrdnung der Dinge\u201c (Michel Foucault) bildet die bin\u00e4re Nomenklatur (bestehend ausGattungsname plus Artzusatz) von Carl von Linn\u00e9, mit welcher Mineralien, S\u00e4ugetiere, Insekten und Pflanzen nach bestimmten Kriterien geordnet werden k\u00f6nnen. Linn\u00e9 legt damit\u00a0 Mitte des 18.\u00a0Jahrhundert den Grundstein f\u00fcr die moderne botanische und zoologische Taxonomie.<\/p>\n<p>In den Ostalpen sind es Franz Xaver Wulfen und Belsazar Hacquet, welche ganze Gebirgsgruppen durchwandern, um pflanzenreiche Almen aufzufinden oder mineralogische Funde zu machen. Hacquet besteigt 1779 den Triglav, um sich von dort einen besseren \u00dcberblick \u00fcber die \u201ePhysik der Erde\u201c verschaffen zu k\u00f6nnen, Wulfen nimmt aus botanischem Interesse an den gro\u00dfangelegten Expeditionen zur Glockner-Erstbesteigung von F\u00fcrstbischof Salm von Reifferscheidt in den Jahren 1799 und 1800 teil.<\/p>\n<p>Das Botanisieren als wichtige Motivation der ersten alpinistischen Unternehmungen wird wenig betont, ist aber in seiner Bedeutung nicht zu untersch\u00e4tzen. Mit ihm verbunden sind dar\u00fcber hinaus weitere Praktiken wie das Wandernin Form der Fu\u00dfreise durch die Alpen. W\u00e4hrend die Alpen inventarisiert werden, reist der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt durch S\u00fcdamerika, sammelt dort ebenfalls Pflanzen und Tiere und macht geologische Studien. Um das vulkanische Gestein zu erforschen, besteigt er 1802 den Chimborazo, einen 6310\u00a0Meter hohen Vulkan in Ecuador, und gelangt bis zu einer H\u00f6he von 6000 Metern.<\/p>\n<p>Der naturwissenschaftliche Erkenntnisgewinn steht als Motiv am Beginn des Alpinismus. Mit der forschenden Neugier verbunden ist eine distanzierte und emotionslose Haltung, welche f\u00fcr die an der Vernunft orientierten Aufkl\u00e4rung charakteristisch ist. Als de Saussure selbst im Jahr 1787, umgeben von einer Unmenge modernster technischer Messinstrumente und einer gro\u00dfen Entourage an Bergf\u00fchrern, den Gipfel des Mont Blanc erreicht, will er dort nichts \u201eErleben\u201c, sondern eine rationale Ordnung etablieren: Sein Ziel ist es, die H\u00f6he des Berges zu vermessen, seine geologische Beschaffenheit zu erkunden und einen \u00dcberblick \u00fcber die Gletscherwelt zu bekommen. Der Blick vom Gipfel des Mont Blanc \u00fcber die umliegende Bergwelt stellt Saussure sofort zufrieden: \u201eNun konnte ich Verh\u00e4ltnisse, ihren Zusammenhang, ihren Bau einsehen und ein einzelner Blick r\u00e4umte Zweifel aus dem Weg, die durch jahrelanges Arbeiten nicht behoben hatten werden k\u00f6nnen.\u201cSaussures Blick ist der eines \u201eneutralen\u201c Beobachters, der die Berge als Objekt betrachtet, Gef\u00fchle oder die k\u00f6rperliche Befindlichkeit nach den M\u00fchen des Aufstiegs finden keinerlei Erw\u00e4hnung.<\/p>\n<p>Die neue naturwissenschaftliche Denkordnung pr\u00e4gt das Verh\u00e4ltnis des Menschen zur Natur in der Moderne: Sie begr\u00fcndet ein zweckrationales, instrumentelles und emotionsloses Verh\u00e4ltnis. Die Natur soll nicht nur erforscht, sie soll auch f\u00fcr den Menschen beherrschbar gemacht und als Ressource f\u00fcr die technische und \u00f6konomische Weiterentwicklung genutzt werden. Der Fortschrittsglaube, der f\u00fcr die Moderne kennzeichnend ist, f\u00fchrt zur Instrumentalisierung und in weiterer Folge zur Ausbeutung und zur, zumindest teilweisen, Zerst\u00f6rung der Natur.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Betrachten<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Teil der Moderne ist jedoch nicht nur der Glaube an Vernunft und Fortschritt, sondern auch die Kritik daran. Um 1800 entsteht mit der Romantik die erste Gegenbewegung zur versachlichenden Moderne, die dem Gef\u00fchl, der \u00c4sthetik und der experimentellen Selbstentfaltung huldigt. Damit verbunden ist eine empathische Hinwendung zur Natur, welche nun subjektiv erlebt und sinnlich wahrgenommen wird. Die \u00e4sthetische Haltung, von griechisch <em>aisthesis<\/em>, bezeichnet die Rezeption der Welt mit allen Sinnen und das Erleben um seiner selbst willen.<\/p>\n<p>Im Zuge der Romantik werden die Alpen vom Objekt wissenschaftlicher Betrachtung zum Medium \u00e4sthetischer Landschaftserfahrung, die Praktik des distanzierten Erforschens wird durch die Praktik des empfindsamen Betrachtens erg\u00e4nzt. Gleichzeitig wird der Alpenraum zur verkl\u00e4rten Gegenwelt des st\u00e4dtischen Lebens und zur Projektionsfl\u00e4che von Freiheitsehns\u00fcchten.<\/p>\n<p>Schon Albrecht von Haller entwickelt als fr\u00fcher Fortschrittskritiker in seinem Gedicht \u201eDie Alpen\u201c eine duale Welt, in welcher er die irdische Gl\u00fcckseligkeit in den Alpenraum projiziert und das authentische und echte Leben der \u00c4lpler der sp\u00e4tbarocken Gesellschaft mit ihrem Laster und \u00dcberfluss gegen\u00fcberstellt. Jean Jacques Rousseaus ebnet dann in den 1760er Jahren durch seine Gesellschafts- und Vernunftkritik den Weg f\u00fcr eine fr\u00fche Alpenbegeisterung, indem er das \u201eger\u00e4uschvolle, unruhige Leben\u201c in der Gro\u00dfstadt der Schweizer Berglandschaft entgegenh\u00e4lt, die \u201eetwas Magisches und \u00dcbernat\u00fcrliches hat, das Geist und Sinne bezaubert\u201c.<\/p>\n<p>Mit Rousseau wird die Natur zum Ort, an dem die gesellschaftliche Zurichtung des Menschen kurierbar ist und gleichzeitig zu einem Raum f\u00fcr sinnlich-\u00e4sthetische Erfahrungen. Auch Johann Wolfgang von Goethe wird von der Schweizbegeisterung seiner Zeit mitgerissen und besteigt 1779 den Dole, um danach enthusiastisch von einem neuen optischen Ph\u00e4nomen zu berichten: dem Alpengl\u00fchen.<\/p>\n<p>Dabei gilt es zu bedenken, dass zur Zeit Rousseaus die Durchquerung der Schweiz eine ernste Unternehmung ist, kaum weniger exotisch wie ein Vorsto\u00df ins zentrale Afrika und verbunden mit M\u00fchsal, Gefahren und Schrecken: Es gibt nur verlauste Unterk\u00fcnfte und schlechte Bewirtung, die Wahrscheinlichkeit \u00fcberfallen, ausgeraubt oder gar ermordet zu werden ist hoch. In den Alpent\u00e4lern herrscht gro\u00dfe Armut, aufgrund des Mangels an Vitamin C und dem damit verbundenen Skorbut gibt es viele geistig und k\u00f6rperlich behinderte Menschen, die kaum besser leben als Tiere.<\/p>\n<p>Die \u00e4sthetische Betrachtung der Alpen bedarf, \u00e4hnlich wie die Wahrnehmung des Sch\u00f6nen in der Kunst, einer differenzierten Sensibilit\u00e4t: eines Blickes, der nicht einfach vorhanden ist, sondern einge\u00fcbt werden muss. Der einheimische \u00c4lpler nimmt die Gletscherzunge nicht als \u201esch\u00f6n\u201c, sondern als gegeben wahr, den Bauern interessiert das unfruchtbare Hochgebirge nicht. Erst durch die Praktik des kontemplativen Schauens wird aus dem bis dahin unbeachteten \u00d6dland etwas Erhabenes oder Sch\u00f6nes. W\u00e4hrend das Erhabene der Gr\u00f6\u00dfe des Hochgebirges vorbehalten bleibt, wird das Sch\u00f6ne verkn\u00fcpft mit alpinen Landschaftsszenerien, bestehend aus Berg, Wiese, Baum, Fels und Wasserfall. F\u00fcr die Praxis des Betrachtens sind vor allem psychische Erlebniskomponenten wichtig, der K\u00f6rper wird dabei ruhiggestellt, das Genussschema des Natursch\u00f6nen \u00e4hnelt wiederum dem der Betrachtung von bildender Kunst. Damit verbunden sind Gef\u00fchle der Betroffenheit und des Aufgehoben-Seins in der Natur. Im ersten Drittel des 19.\u00a0Jahrhunderts wird das \u201eBergschauen\u201c zum fixen Bestandteil der <em>voyage pittoresque<\/em>, der romantischen Reise in die Schweiz, deren Ziel es ist, als sch\u00f6n geltende Orte und idyllisch gelegene Almen aufzusuchen, um dort in kontemplativer Betrachtung zu versinken.<\/p>\n<p>In der Kunst findet das romantische Naturgef\u00fchl, angefangenvon der Lyrik H\u00f6lderlins, Novalis und Eichendorffs, \u00fcber Stifters Prosa bis zu Segantinis Gem\u00e4lden, die Ende des 19. Jahrhundert nochmals die Einheit von Mensch und Natur beschw\u00f6ren, seinen Niederschlag. Erst im 20.\u00a0Jahrhundert wird die Distanz des Menschen zur Natur in der Kunst ein Thema: Das ber\u00fchmte Bild \u201eDer Wanderer\u201c von Ernst Ludwig Kirchner aus dem Jahr 1922 zeigt die Entfremdung des modernen Menschen von der einst heilen Bergwelt, die den Menschen nun nicht mehr tr\u00e4gt.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Bergsteigen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Mit der Besteigung des Mont Blanc 1786 durch Saussure beginnt die Phase der Erstbesteigungen der Alpenhauptgipfel. Diese endet 1865 mit Whympers Besteigung des Matterhorns und dem tragischen Ungl\u00fcck beim Abstieg. Federf\u00fchrend beteiligt an den Erstbesteigungen sind Bergsteiger aus dem viktorianischen England, der f\u00fchrenden Industrienation des 19.\u00a0Jahrhunderts. In den Jahren 1859 und 1865, der \u201egoldenen Zeit\u201c der Viktorianer in den Alpen, werden 68 Hauptgipfel der Alpen bestiegen, die meisten davon von Briten.<\/p>\n<p>Als Teil einer wohlhabenden, b\u00fcrgerlichen Oberschicht lernen die <em>British sportsmen<\/em>in den englischen Eliteinternaten schon fr\u00fch denSportgedanken kennen. Wie andere Sportarten betrachten die Briten auch den Bergsport als eine \u201eSchule des Charakters\u201c, in derneben Mut und M\u00e4nnlichkeit auch der \u201eWille zum Siegen\u201c und der Wettkampfgeist \u2013 die Tugenden k\u00fcnftiger F\u00fchrungskr\u00e4fte \u2013 ausgebildet werden sollen. Der moderne Sport wird zum Teil eines b\u00fcrgerlichen Wertekanons, der die Leistung als zentralen Wertansieht und die Wettk\u00e4mpfe des Sports und die Konkurrenz im sich entwickelnden Kapitalismus f\u00fcr vergleichbar h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Edward Whymper fasst seine Motivation, die exakt dem b\u00fcrgerlichen Ethos entspricht, folgenderma\u00dfen zusammen: \u201eWir freuen uns \u00fcber die k\u00f6rperliche Wiedergeburt, welche Folge unserer Anstrengungen ist, wir jubeln \u00fcber die Gro\u00dfartigkeit der Szenen, die uns vor Augen treten (&#8230;), aber mehr noch gilt die Entwicklung der M\u00e4nnlichkeit und die Ausbildung edler menschlicher Tugenden, des Muths, der Geduld, der Beharrlichkeit und der Seelenst\u00e4rke im Kampf mit den Schwierigkeiten.\u201c <a name=\"_ftnref\"><\/a>[1]<\/p>\n<p>Dieses b\u00fcrgerliche Ethos ist verbunden mit der Neigung zu zweckfreiem Handeln und findet sowohl im modernen Sport wie auch in der k\u00fcnstlerischen Bet\u00e4tigung seinen Ausdruck. W\u00e4hrend beim Botanisieren und Erforschen der H\u00f6he der Aufstieg nur ein Mittel zum Zweck ist, wird das Bergsteigen als Sport zu einer vom Zweck befreiten Praktik, die wiederum \u00c4hnlichkeiten mit dem Spiel hat. Damit werden die Alpen zum Spielplatz, zum <em>playground of Europe, <\/em>wie sie der britische Alpinist Leslie Stephens bezeichnet.<\/p>\n<p>Doch die Alpen als Spielplatz bleiben in den Anf\u00e4ngen einer kleinen, zumeist adeligen oder gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Elite vorbehalten. Da es f\u00fcr die Vertreter der Oberschicht im 19.\u00a0Jahrhundert unvorstellbar ist, am Berg auf Diener zu verzichten, wird der Bergf\u00fchrer zu einem notwendigen Bestandteil der bergsportlichen Praktik. Nicht weil der Gef\u00fchrte selbst k\u00f6rperlich zu schwach w\u00e4re, um Pickel und Gehstock zu tragen oder Stufen ins Eis zu hacken, sondern weil es sich f\u00fcr einen <em>gentleman<\/em>nicht geh\u00f6rt, selbst die Ausr\u00fcstung zu schleppen oder niedere T\u00e4tigkeiten zu verrichten.<\/p>\n<p>Das elit\u00e4re Verhalten darf nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass die <em>British sportsmen<\/em>durchaus konditionsstarke Geher sind, denn Sportarten wie das Bergsteigen dienen nicht nur dazu, den Charakter zu formen, sie sollen auch den K\u00f6rper kr\u00e4ftigen und ihn gesund erhalten. Der kraftvoll-athletisch K\u00f6rper ist das Kennzeichen des B\u00fcrgers, durch ihn belegt er seine Leistungsf\u00e4higkeit und seine \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber dem als \u201edegeneriert\u201c und schw\u00e4chlich geltenden K\u00f6rper des Adeligen. Der gesunde K\u00f6rper dient dar\u00fcber hinaus der Reproduktion gesunder Nachkommen und damit dem Erhalt der Klasse, denn die Herrschaft des B\u00fcrgertums ist auch eine physische Angelegenheit.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Darwin die Galapagosinseln erforscht und Marx \u201eDas Kapital\u201c schreibt, verlassen die betuchten Viktorianer den \u201eMoloch Stadt\u201c und suchen die Schweizer Berge auf. So z\u00e4hlt Manchester als Zentrum der Baumwollindustrie 1850 bereits 400.000\u00a0Einwohner. Damit einhergehen schlecht Luft, \u00fcble Ger\u00fcche, soziales Elend und die Bildung von Slums. 1857 wird der ber\u00fchmte British Alpine Club als erster Alpenverein der Welt gegr\u00fcndet, errepr\u00e4sentiert das <em>Who\u00b4s Who<\/em>der viktorianischen Bergsteiger. Auch an den Gr\u00fcndungen exklusiver b\u00fcrgerlicher Vereine in anderen Sportarten, zumeist nach dem Vorbild der englischen <em>clubs<\/em>, sind in der zweiten H\u00e4lfte des 19.\u00a0Jahrhunderts <em>British sportsmen<\/em>ma\u00dfgeblich beteiligt. Das Ende des Neoabsolutismus im Kaisertum \u00d6sterreich und der Restauration im Deutschen Bund f\u00fchrt zu einer Liberalisierung des Vereinswesens, es erm\u00f6glicht die Gr\u00fcndung des \u00d6sterreichische Alpenvereins im Jahr 1862 und des Deutschen Alpenvereins im Jahr 1869.<\/p>\n<p>Nach der Phase der Erstbesteigungen und parallel zum Ausbau des Stra\u00dfenverkehrsnetzes und der Eisenbahnverbindungen in den Alpen verbreitern sich die alpinistischen Praktiken. Die Ausgangsorte f\u00fcr Bergtouren werden durch die Eisenbahn leicht und schnell erreichbar, so gibt der Alpenverein in Vorarlberg nach der Er\u00f6ffnung der Vorarlberger Bahn 1872 ein \u201eVerzeichnis f\u00fcr Touren und Spazierg\u00e4nge\u201c heraus, deren Ausgangspunkte Eisenbahnstationen sind.<\/p>\n<p>1880 wird der Gotthardt-Eisenbahntunnel fertig gestellt, 1882 die Gotthardtbahn er\u00f6ffnet. Die leichtere Zug\u00e4nglichkeit entlegener T\u00e4ler und der Bau mond\u00e4ner Hotels, wie beispielsweisein St.\u00a0Moritz im Engadin, f\u00fchren Ende des 19.\u00a0Jahrhunderts zur Entwicklung eines b\u00fcrgerlich-adeligen Alpentourismus. W\u00e4hrend Julius Kugy um die Jahrhundertwende in gut b\u00fcrgerlicher Tradition mit Bergf\u00fchrern an seiner Seite die Julischen Alpen erforscht, etabliert sich andernorts schon die Praktik des f\u00fchrerlosen Bergsteigens. Ludwig Purtscheller, einer der ersten Alleing\u00e4nger, schreibt 1894: \u201eSelbst in die entlegensten Alpenth\u00e4ler hinein dringt der Pfiff der Lokomotive als Weckruf einer neuen Zeit.\u201c<\/p>\n<p>Der Bau von Bergbahnen Ende des 19.\u00a0Jahrhunderts f\u00fchrt Bergsteiger und Hochtouristen dann direkt in die alpinen Zonen hinein: 1898 wird die Gornergratbahn von Zermatt in das Monte-Rosa-Massiv gebaut, 1903 die Jungfraubahn in die Eiger-Nordwand und 1906 die Zahnradbahn von Chamonix nach Montenvers und zum Eismeer. Dieses k\u00f6nnen die Damen in ihren bodenlangen R\u00f6cken, ausgestattet mit gro\u00dfen, runden H\u00fcten und Sonnenschirmen, und die Herren mit Zylinder und Jacket von Aussichtspunkten am Gletscherrand durch eigens daf\u00fcr aufgestellte Fernrohre fortan ausgiebig bestaunen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich festhalten, dass die Entwicklung alpinistischer Praktiken eng an die Prozesse der Modernisierung gekoppelt ist: Erstens sowohl an die Entwicklung der Naturwissenschaften im 18.\u00a0Jahrhundert als auch an die romantische Kritik daran und zweitens an die Urbanisierung und Industrialisierung sowie an den Ausbau des Verkehrsnetzes in den Alpen im 19.\u00a0Jahrhundert.<\/p>\n<p>Mit der teils gesellschaftskritischen, teils touristischen Flucht in die Gegenwelt der Berge verbunden ist von Anfang an die Nutzung der jeweils modernsten technischen M\u00f6glichkeiten wie auch die Inszenierung zentraler b\u00fcrgerlicher Werte wie Mut, M\u00e4nnlichkeit, Gesundheit und Leistung.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Klettern<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Es ist das legend\u00e4re Camp IV im kalifornischen Yosemity Valley, in welchem die Anf\u00e4nge des Sportkletterns als Praktik liegen, und wo in den 1970er-Jahren fernab der Alpen mit dem Freiklettern ein neuer Stilbegr\u00fcndet wird. Das Sportklettern wird dabei untrennbar mit einem subkulturellen Lebensweise verbunden, welchen der deutsche Bergsteiger Reinhard Karl pointiert zusammenfasst:<\/p>\n<p>\u201eAlles ist hier leicht vergammelt. (&#8230;) Jeder nimmt einen Stoff um \u201ehigh\u201c zu werden, mindestens Marihuana. (&#8230;) Faul sein ist hier eine wesentliche Voraussetzung, um ein guter Kletterer zu werden. Die f\u00fcnf Lebensessentials sind in der Reihenfolge der Wichtigkeit: 1. Klettern, 2. Sonnenbaden, 3. Essen, 4. Drogen, 5. Frauen. Das Wort \u201eArbeit\u201c kommt nicht vor.\u201c<\/p>\n<p>Die Aussteiger und Hippies im Yosemity verbinden die \u201eBewusstseinserweiterung\u201c durch Drogen mit dem Klettern als Hochleistungssport. Das Klettercamp ist, so Karl, eine Art \u201eAbleger der Subkultur aus Berkeley und Los Angeles\u201c, was sich neben der Suche nach der <em>Separate Reality<\/em>(Name einer Klettertour, in Anlehnung an den gleichnamigen Roman von Carlos Castaneda) in der betonten Lockerheit, der l\u00e4ssigen Kleidung, den langen Haaren und dem Kleinbus zeigt. Man befreit sich von Zw\u00e4ngen und Normen, stellt den Hang zur \u201ewilden\u201c Natur und die Besitzlosigkeitostentativ zu Schau und grenzt sich von jeglicher Spie\u00dfb\u00fcrgerlichkeit ab.<\/p>\n<p>Der so gelebte \u201ekalifornische\u201c Lebensstil ist das Zentrum der <em>Counter Culture<\/em>der 1970er-Jahre, die um die postromantische Idee der Selbstverwirklichung kreist. Der Protest der Gegenkultur richtet sich sowohl gegen die Entfremdung von der Arbeit als auch von der Natur und stellt das instrumentelle und emotionslose Weltverh\u00e4ltnis der Moderne in Frage. Dominante Werte der Nachkriegsgeneration wie Haus, Auto und Schrebergarten werden ebenso infrage gestellt wie die b\u00fcrgerliche Familieoder der an der Norm orientierte \u201eordentliche\u201c Lebenslauf. Dem werden postmaterialistische Werte wie Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung entgegengehalten. Die damit verbundene alternative Ethik findet ihren Ausdruck in der Friedensbewegung, der Frauenbewegung, der Naturschutz- und Anti-Atomkraftbewegung und f\u00fchrt in weiterer Folge zur Gr\u00fcndung von \u201egr\u00fcnen\u201c Parteien.<\/p>\n<p>Die enge Verbindung von Wertesystem und Kletterpraktik betont auch Wolfgang G\u00fcllich, einer der f\u00fchrenden Sportkletterer der 1980er-Jahre: \u201eSportklettern bedeutet nicht nur Konkurrenz, Wettkampf und Leistung. Der Sport ist auch gepr\u00e4gt durch andere Werte.\u201c Er bietet die \u201eChance jenseits der k\u00f6rperlichen Leistung eine phantastische Natur zu erleben, in interessante L\u00e4nder zu reisen, mit Freunden im Caf\u00e9 herumzuh\u00e4ngen (&#8230;). Insofern wird der Sport auch Lebensstil.\u201c Und: \u201eMan geht nicht nach dem Klettern einen Kaffee trinken, sondern Kaffeetrinken ist Teil des Kletterns.\u201c<\/p>\n<p>Kreativit\u00e4t und Selbstverwirklichung zeichnen f\u00fcr G\u00fcllich das Leistungsethos des Sportkletterers aus: \u201eEmotionen wie Zufriedenheit, das selbstgestellte Problem der Routen gel\u00f6st, die Geschicklichkeitsaufgabe gemeistert und die eigene Perfektion demonstriert zu haben\u201c sind zentral f\u00fcr ihn. Die M\u00f6glichkeit selbstgesetzte Ziele zu verfolgensowie die damit verbundenen Gef\u00fchle und k\u00f6rperlichen Erfahrungen w\u00fcrden jedoch zweitrangig, so G\u00fcllich, wenn man sich nur auf das Leistungsprinzip konzentriere, wie dies beim Wettkampfklettern der Fall sei.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend f\u00fcr das Sportklettern der Lebensstil ein konstitutives Moment ist, ist f\u00fcr extreme Praktiken, wie dem Extrembergsteigen im Alpenraum oder dem H\u00f6henbergsteigen im Himalaya, die Gefahr ein grundlegender Bestandteil.<\/p>\n<p>Reinhold Messner pr\u00e4gt in den sp\u00e4ten 1970er-und 80er-Jahren als f\u00fchrender Protagonist sowohl die Praktik des H\u00f6henbergsteigens, als auch den Diskurs dar\u00fcber: Die Besteigung des Everest ohne Sauerstoff im Jahr 1978 mit Peter Habeler, der Alleingang auf den Nanga Parbat ohne Sauerstoff im selben Jahr und der Alleingang auf den Everest ohne Sauerstoff im Jahr 1980 sind ebenso Alpinismusgeschichtewie Messners Erfahrungsberichte \u00fcber den \u201eGrenzbereich Todeszone\u201c und \u00a0das \u201eLeben am Limit\u201c (beides Buchtitel) oder die \u201eKunst des \u00dcberlebens in wirklicher Gefahr\u201c. Der \u201eAbenteurer\u201c, der sich die \u201eFreiheit (nimmt) aufzubrechen, wohin ich will\u201c,zitiert H\u00f6lderlin und greift bei seiner Selbstbeschreibung auf romantische Freiheitsmotive zur\u00fcck. Aufgrund seiner herausragenden Taten wird Messner die Autorit\u00e4t zugebilligt zu definieren, was als <em>die <\/em>alpinistische Praktik oder als <em>der<\/em>Alpinismus gilt: n\u00e4mlich das selbstverantwortliche, souver\u00e4ne Handeln angesichts einer extrem schwierigen Herausforderung. Die hier auftauchende Vorstellung eines freien, autonomen Subjekts, das sich bew\u00e4hrt, indem es Schwierigkeiten bew\u00e4ltigt, ist, ebenso wie der Freiheitswunsch, keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, sondern steht in der Tradition der b\u00fcrgerlichen Ethik und des Sports als \u201eSchule des Charakters\u201c.<\/p>\n<p>Auch der Soziologe Karl-Heinz Bette sieht in den alpinen Bew\u00e4ltigungsgeschichten einen R\u00fcckgriff auf den b\u00fcrgerlichen Mythos von der Handlungsf\u00e4higkeit eines souver\u00e4nen Subjekts. Die extremen Praktiken stellen f\u00fcr ihn Versuche der Selbsterm\u00e4chtigung dar, mittels derer die Akteure Erfahrungen der Machtlosigkeit kompensieren wollen. Das moderne Individuum ist im Alltag Organisationen unterworfen, die sein problemloses Funktionieren garantieren und sein Verhalten bis ins Kleinste reglementieren. Um diesen Gef\u00fchlen der Machtlosigkeit zu kontern, begeben sich Extrembergsteiger in lebensgef\u00e4hrliche Situationen: Allein und ohne zus\u00e4tzlichenSauerstoff in der Todeszone versucht das Subjekt, demonstrativ seine Autonomie und die Macht \u00fcber das eigene Handeln zur\u00fcckzugewinnen. So begr\u00fcndet Messner seinen Alleingang auf den Nanga Parbat 1978 folgenderma\u00dfen: Es ist der \u201eWunsch, alles ganz allein zu machen, etwas alleine zu Ende zu f\u00fchren. Es ist (&#8230;) ein starkes Bed\u00fcrfnis nach Autonomie und Autarkie.\u201c Doch die Versuche, die Macht \u00fcber das Handeln zur\u00fcckzugewinnen, gl\u00fccken nicht immer, was zu den tragischen Todesf\u00e4llen f\u00fchrt, die ebenso wie die spektakul\u00e4ren Erfolge Teil der Alpinismusgeschichte sind.<\/p>\n<p>Mit der Definition des Alpinismus als extreme und gef\u00e4hrliche Praktik wird dieser auf das Handeln einer kleinen, elit\u00e4ren Gruppe zumeist m\u00e4nnlicher Extrembergsteiger eingeschr\u00e4nkt, die in der auf Risikoreduktion bedachten Wohlstandsgesellschaft der 1980er-Jahre maximale Aufmerksamkeit bekommen. Gleichzeitig sind die wenigen \u201eExtremen\u201c aufgrund ihres Au\u00dfenseiterstatus einem gro\u00dfem Legitimit\u00e4tsdruck ausgesetzt und m\u00fcssen sich st\u00e4ndig f\u00fcr ihre \u201eunvern\u00fcnftigen\u201c Praktiken rechtfertigen.<\/p>\n<p>Doch sowohl die Gefahrenethik Messners als auch die subkulturelle Sportkletterbewegung haben nicht nur einen Gegencharakter, sondern auch einen Entsprechungscharakter. Die Akteure gehen zwar auf Distanz zur modernen Gesellschaft, nutzen daf\u00fcr \u00a0aber zugleich die modernste Technik: Nur mit dem Flugzeug k\u00f6nnen die entlegensten Winkel der Erde erreicht werden, nur mit der neuesten Ausr\u00fcstung und, ab den 90er-Jahren, nur mithilfe der neuesten Kommunikationsm\u00f6glichkeiten werden die au\u00dfergew\u00f6hnlichen Aktionen durchgef\u00fchrt. Auch wenn die Extremen den Verlust von Individualit\u00e4t und die Vermassung alpiner Zonen beklagen, durch ihre Vorbildwirkung und ihre Selbstvermarktung tragen sie selbst zur Popularisierung und Verbreiterung alpinistischer Praktiken bei.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong> Die Gegenwart <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>In der gegenw\u00e4rtigen <em>Unsicherheitsgesellschaft<\/em>(Zygmunt Baumann) gewinnen die extremen Praktiken eine v\u00f6llig neue Bedeutung: Sie werden mit Kontingenz- und Risikobew\u00e4ltigung assoziiert, Eigenschaften, die in unsicheren Zeiten an Relevanz gewinnen, womit die Extrembergsteiger von gesellschaftlichen Au\u00dfenseitern zu Vorbildern im Umgang mit Unsicherheit mutieren. Dar\u00fcber hinaus wird die Au\u00dferallt\u00e4glichkeit extremer Praktiken in einer visuellen Kultur zunehmend \u201everallt\u00e4glicht\u201c. Durch die st\u00e4ndige Visualisierung in unterschiedlichen medialen Kontexten \u2013 in Hochglanzprospekten, Filmen, Dokumentationen oder Postings in den Social Media \u2013 verlieren sie gleichzeitig ihre Exklusivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ebenso haben ehemals subkulturelle Praktiken wie das Sportklettern ihre Nischenposition verloren und sind zum Bestandteil des Lebensstils der Mittelschicht geworden. Sie passen perfekt in eine Gesellschaft, die, wie der Soziologe Andreas Reckwitz aufzeigt, in gut romantischer Tradition permanent auf der Suche nach \u00a0au\u00dfergew\u00f6hnlichen sinnlich-\u00e4sthetischen oder werthaltigen Erlebnissen ist: Was <em>ich<\/em>eigentlich <em>bin<\/em>, zeigt sich in meinen Praktiken und Erlebnissen, in dem, was ich gerne und mit Leidenschaft tue.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben heute Wandern, Klettern, Skitourengehen oder das Reisen abseits \u201eausgetretener Pfade\u201c f\u00fcr viele Menschen eine identit\u00e4tsstiftende Funktion. War es in den 1970ern nur einigen alternativen Globetrottern vorbehalten, mit dem Fahrrad durch die Alpen zu reisenoder durch die Mongolei zu wandern, so stellen diese Praktiken heute einen globalen Trend dar, der von Vereinen und kommerziellen Anbietern aufgegriffen, mit Komfort angereichert und unter fachkundiger Begleitung durchgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Die singul\u00e4ren Erfahrungen dienen im digitalen Zeitalter jedoch nicht nur der Selbstherstellung, sondern auch der eigenen Profilbildung und der Sichtbarwerdung im weltweiten Netz. In Echt-Zeit online gestellte Selfies oder Handyfilme in spektakul\u00e4rer alpiner Umgebung garantieren Links und Likes und erzeugen jene Aufmerksamkeit, die in den <em>digital communities<\/em>mittlerweile zu einem hei\u00dfumk\u00e4mpften Gut geworden ist.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass die Vielfalt und Differenzierung alpinistischer Praktiken noch niemals so hoch war wie heute. Jenseits der bereits dargestellten traditionellen Motive lassen sich gegenw\u00e4rtig drei weitere dominante Motive ausmachen:<\/p>\n<p><u>Sportlich-leistungsorientierte Motive: <\/u>Der Leistungs- und Wettkampfgedanke steht, wie aufgezeigt wurde, in der Tradition des modernen b\u00fcrgerlichen Sports. F\u00fcr diesen sind weder das Moment der Gefahr noch ein spezifischer Lebensstil grundlegend, sondern die messbare Leistung und der Leistungsvergleich im Wettkampf. Der sportliche Aspekt zeigt sich in Reinkultur im Wettkampfklettern, aber auch in Bergl\u00e4ufen oder Mountain-Bike-Rennen und in Praktiken, die auf sportliche Rekorde abzielen wie Speedbegehungen oder \u201eEnchainments\u201c. Im Zentrum der sportlich-leistungsorientierten Praktiken steht ein klares Regel- und Kontrollsystem: Wettkampfbedingungen, die Messung von H\u00f6henmetern oder Streckenl\u00e4ngen pro Zeiteinheit oder die Bew\u00e4ltigung vorgegebener Schwierigkeitsgrade. Durch das Erbringen sportlicher Leistung und den Wettbewerb mit anderen werden die zentralen Werte der sp\u00e4tmodernen Gesellschaft reproduziert und inszeniert.<\/p>\n<p><u>Postromantisch-naturbezogene Motive:<\/u>In der Traditionslinie der Romantik stehend wird der alpine Raum als Gegenwelt zu einer stark beschleunigten, wettbewerbsorientierten und technisierten Gesellschaft aufgefasst, er wird zum Ort der Rekreation und Regeneration. Damit verbunden sind sinnlich-\u00e4sthetische Erfahrungen: das Erlebnis des Sonnenaufgangs auf einem Berggipfel; die Wanderung durch ein einsames Gebirgstal; der Blick \u00fcber die Gipfel, die aus dem Nebelmeer ragen; das Klettern \u00fcber dem Meer in der Abendstimmung. Bei diesen Resonanzerfahrungen (Hartmut Rosa) nimmt man den Wind, den Nebel, die Hitze und Ger\u00fcche intensiv wahr, f\u00fchlt sich frei und gleichzeitig aufgehoben in der Natur.<\/p>\n<p>Verbunden mit dem naturbezogenen Motiv ist die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die alpine Natur als Umwelt f\u00fcr das eigene Handeln und f\u00fcr die Labilit\u00e4t \u00f6kologischer Gleichgewichte. In der alpinistischen Tradition des Botanisierens wird f\u00fcr den Schutz und den Erhalt der Vielfalt von Fauna und Flora im alpinen Raum eingetreten und Kritik an der zunehmenden Verbauung und Kommerzialisierung alpiner Landschaften ge\u00fcbt.<\/p>\n<p><u>K\u00f6rper- und leiborientierte Motive:<\/u>Wie einzigartige Naturerfahrungen haben auch besondere K\u00f6rpererfahrungen eine sinnlich-\u00e4sthetische Dimension: der einzigartige <em>move <\/em>beim Bouldern, der nach zigfachem Probieren gelingt; das experimentelle Ausprobieren neuer BewegungsmusterKlettern oderdas federleichte Schwingen im Pulverschnee stellen ein Gegenprogramm zur allt\u00e4glichen K\u00f6rpernutzung dar. Der Orientierungssinn, der Gleichgewichtssinn, das kin\u00e4sthetische Empfinden werden gefordert, H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe, die im Modernisierungsprozess an Bedeutung verloren haben, sind wichtig und stellen ein intensives Verh\u00e4ltnis zur Welt her. Der K\u00f6rper wird dabei als <em>Leib<\/em>erfahren: W\u00e4hrend der K\u00f6rper das ist, was nach au\u00dfen hin sichtbar und angreifbar ist, bedeutet die leibliche Erfahrung die Innenwahrnehmung des K\u00f6rpers: der Leib <em>bin ich selbst<\/em>.<\/p>\n<p>F\u00fcr Praktiken, in denen intensive leibliche Erfahrungen eine zentrale Rolle spielen, sind weder die sportliche Leistung, noch die alpine Gefahr, noch der Berg als Naturraum ein konstitutiver Faktor: Leistung, Risiko und Natur k\u00f6nnen Dimensionen dieser Praktiken sein, m\u00fcssenes aber nicht. Praktiken wie Klettern und Bouldern in Hallen oder anderen k\u00fcnstlichen Anlagensind v\u00f6llig von der Naturerfahrung entkoppelt und erfreuen sich gleichzeitig immer gr\u00f6\u00dferer Beliebtheit. Der Boom hin zum naturfernen, \u201ek\u00fcnstlichen\u201c Raum stellt ein v\u00f6llig neues Moment in der Geschichte alpinistischer Praktiken dar, korrespondiert jedoch mit dem Trend zur K\u00f6rperaufwertung in der gegenw\u00e4rtigen Erlebnisgesellschaft.<\/p>\n<p>K\u00f6rper- als auch naturorientierte Motive machen die alpinistischen Praktiken demokratischer und f\u00fchren zu einer enormen Verbreiterung derselben: War das extreme Bergsteigen fast 200\u00a0Jahre lang eine M\u00e4nnerdom\u00e4ne, so f\u00fchrt die Befreiung vom Risiko als auch vom Leistungszwang dazu, dass sowohl der Anteil von Frauen als auch der Anteil von Akteuren beiderlei Geschlechts \u00fcber Vierzig zunehmend steigt. Die Vielfalt an Praktiken in jeweils unterschiedlichen Varianten \u2013 vom traditionellen Bergsteigen, \u00fcber das Skiitouren- und Klettersteiggehen, dem Sport- und Hallenklettern bis hin zum Wandern &#8211; \u00a0bietet vielen Akteuren unterschiedliche Ankn\u00fcpfungsm\u00f6glichkeiten, ver\u00e4ndert kontinuierlich das Gesicht \u201edes Alpinismus\u201c und passt es an die gegenw\u00e4rtige Gesellschaft an.<\/p>\n<p><strong>Conclusio<\/strong><\/p>\n<p>Der Alpinismus als Kind der Moderne tr\u00e4gt sowohl deren rationalistische und fortschrittsgl\u00e4ubige als auch deren (post-)romantische und fortschrittskritische Seite in sich. Seine Geschichte und Gegenwart sind gekennzeichnet durch eine Vielfalt unterschiedlicher und mitunter auch gegens\u00e4tzlicher Motive und Praktiken. Es ist Teil des gro\u00dfen Erfolges des Alpenvereins, dass es ihm seit rund 150 Jahren gelingt, diese oftmals widerspr\u00fcchlichen Zug\u00e4nge unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Bette, Karl-Heinrich: Zur Soziologie des Abenteuer- und Risikosports. Bielefeld: transcript Verlag 2004.<\/p>\n<p>Bourdieu, Pierre: Historische und soziale Voraussetzungen des modernen Sports.<br \/>\nIn: Kunst und Kultur. Kultur und kulturelle Praxis, Schriften zur Kultursoziologie 4. Hg. von F Schultheis und Stephan Egger. Konstanz und M\u00fcnchen: UVK Verlagsgesellschaft mbH 2013.<\/p>\n<p>Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularit\u00e4ten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin : Suhrkamp 2018, 5. Auflage.<\/p>\n<p>Berge, eine unverst\u00e4ndliche Leidenschaft. Buch zur Ausstellung des Alpenvereins-Museums in der Hofburg Innsbruck. Hg von Philipp Felsch, Beat Gugger, Gabriele Rath. Wien\/Bozen: Folie Verlag, 2007.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In: Alpenvereinsjahrbuch BERG 2019. Hg. DAV (M\u00fcnchen), \u00d6AV (Innsbruck), Alpenverein S\u00fcdtirol (Bozen). Facetten der Moderne\u00a0(Download als PDF) Der Frage \u201eWas treibt uns an?\u201c soll mit der Darstellung der Entwicklung alpinistischer Praktiken vom Beginn der Moderne bis heute begegnet werden. 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