{"id":73,"date":"2015-08-20T11:29:48","date_gmt":"2015-08-20T09:29:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=73"},"modified":"2024-07-23T11:21:57","modified_gmt":"2024-07-23T09:21:57","slug":"freund-du-hast-zeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=73","title":{"rendered":"\u201eFreund, Du hast Zeit.\u201c"},"content":{"rendered":"<h3>In: Alpenvereinsjahrbuch BERG 2014. Hg DAV (M\u00fcnchen), \u00d6AV (Innsbruck), Alpenverein S\u00fcdtirol (Bozen).<\/h3>\n<h4>Eine kulturwissenschaftliche Suche nach dem Verbleib von Erlebnis, Freiheit und Beschaulichkeit beim Bergsteigen.<\/h4>\n<p><strong>Stetige Beschleunigung und enormer Leistungsdruck pr\u00e4gen unsere sp\u00e4tmoderne Gesellschaft. Wie wirken sich diese gesellschaftlichen Dynamiken auf das Bergsteigen aus? Und: Gibt es Gegenentw\u00fcrfe dazu?<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_98\" style=\"width: 402px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-98\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-98 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Freiheit-300x201.jpeg\" alt=\"Freiheit\" width=\"392\" height=\"263\" srcset=\"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Freiheit-300x201.jpeg 300w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Freiheit-1024x686.jpeg 1024w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Freiheit.jpeg 1840w\" sizes=\"(max-width: 392px) 100vw, 392px\" \/><p id=\"caption-attachment-98\" class=\"wp-caption-text\">Archiv W.Krainz<\/p><\/div>\n<p>Anfang der 70er Jahre ist die Kletterwelt noch in Ordnung f\u00fcr den legend\u00e4ren deutschen Bergsteiger Reinhard Karl. Fast atemlos vor Freude berichtet er den Arbeitskollegen von seinen Berg-Erlebnissen am Wochenende:<br \/>\n<em>&#8222;Ihr wisst ja gar nicht, was es bedeutet, hochzuklettern. Oben zu sein, selbst wenn man Angst hat. Und die Endlosigkeit der unreparierten Autos, die alle auseinander genommen und wieder richtig zusammengesetzt werden m\u00fcssen, die alle auf mich warten, und die Kunden und die Meister, dieses endlose Gewinde, das nie aufh\u00f6rt. Sie verdunkeln mein Leben nur noch f\u00fcnf Tage der Woche, dann krieche ich wie der Luis Trenker der Preu\u00dfen unter dem Auto hervor und fahr zum Battert, und da ist alles anders: Da sind die saubere Luft, der Fels, das Licht, die Wolken, die Sonne und die Sterne die \u00fcber uns funkeln, wenn wir unter der Falkenwand im Freien schlafen &#8211; biwakieren.&#8220;<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_137\" style=\"width: 178px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Karl-1.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-137\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-137 size-full\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Karl-1.jpeg\" alt=\"Karl 1\" width=\"168\" height=\"299\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-137\" class=\"wp-caption-text\">Reinhard Karl<\/p><\/div>\n<p><strong>Noch Zeit zum Atmen?<br \/>\n<\/strong>Ganz anders sieht es einige Jahre sp\u00e4ter bei Reinhard Karl aus. Jetzt geht es ihm nicht mehr darum, am Wochenende in eine Gegenwelt aus Felsen, Licht und Sternen einzutauchen, er hat beschlossen, ein \u201eguter Bergsteiger\u201c zu werden und geht auf \u201eDie Jagd\u201c nach ber\u00fchmten Routen und W\u00e4nden. <em>\u201eDie 400 Meter senkrechte Wand, wie der Tofanapfeiler, die 750 Meter der Lalidererverschneidung oder die 1000 Meter der Courtes-Nordwand und wie sie alle hei\u00dfen. Die W\u00e4nde, die man alle gemacht haben musste, um <\/em><em>als ein guter Bergsteiger zu gelten. Niemanden interessierte es, nicht mal richtig mich selbst. Ich war fremdbestimmt. \u00c4hnlich wie ich fr\u00fcher Autos reparieren musste, so musste ich jetzt die Bergtour X, Y oder Z machen.\u201c<\/em><br \/>\nNaturerlebnis, Individualismus und Selbstbestimmung sind nun zugunsten des sportlichen Leistungsprinzips in den Hintergrund ger\u00fcckt, der Bergraum wird zum Spiegelbild der Autowerkstatt. Damit einher geht eine enorme Beschleunigung des Tempos, sowohl w\u00e4hrend der einzelnen Tour als auch zwischen den Touren, die Reinhard keine \u201eZeit zum Atmen\u201c mehr l\u00e4sst.<br \/>\n<em>\u201eAuf dem Gipfel schaute ich zuerst auf die Uhr, um festzustellen wie lange wir f\u00fcr die Tour gebraucht hatten. Dann rasten wir wieder hinunter. Eigentlich war es verwunderlich, warum wir uns \u00fcberhaupt da rauf verlaufen hatten. (&#8230;)<br \/>\nZum Nachdenken finde ich keine Zeit, nicht mal auf dem Gipfel, nicht mal nach Feierabend; dazu bin ich zu m\u00fcde.\u201c<br \/>\n<\/em><br \/>\nDer atemraubenden Begeisterung der Anfangszeit folgt eine Atemlosigkeit anderer Art: Seine Fokussierung auf das Leistungsprinzip bewirkt, dass Reinhard immer mehr unter das Diktat der Beschleunigung ger\u00e4t: Ein Gipfel folgt auf den n\u00e4chsten, eine Tour nach der anderen wird \u201eabgehakt\u201c. Die Beschleunigung verhindert jede Auseinandersetzung mit dem Erlebten, Reinhard verliert so seinen Raum zum Erleben.<br \/>\nWas Reinhard Karl passierte, l\u00e4sst ich heute vielfach beobachten: Beschleunigung und Fokussierung auf das Leistungsprinzip sind pr\u00e4gende Tendenzen sowohl im Bergsport als auch auf der gesellschaftlichen Ebene.<\/p>\n<p><a name=\"_Toc231827766\"><\/a><strong>Dynamiken auf der Metaebene<br \/>\n<\/strong>F\u00fcr die sp\u00e4tmoderne Gesellschaft sind aus soziologischer Sicht folgende Entwicklungen charakteristisch: 1) Multioptionalit\u00e4t und Temposteigerung,<br \/>\n2) Wettbewerbs- und Leistungsorientierung.<\/p>\n<ol>\n<li>Unsere Gesellschaft bietet einer gro\u00dfen Zahl von Menschen eine F\u00fclle an Erlebnism\u00f6glichkeiten. Dies verf\u00fchrt einerseits dazu, die einzelnen Aktivit\u00e4ten zu beschleunigen, anderseits deren Zahl und H\u00e4ufigkeit zu steigern. Man will immer mehr erleben, dazu muss die Zeit immer enger getaktet werden, was zu einem regelrechten \u201eFreizeitstress\u201c f\u00fchrt und au\u00dferdem den Nachgeschmack hinterl\u00e4sst, trotz aller Eile sch\u00f6ne Erlebnisse verpasst zu haben. Zus\u00e4tzlich angeheizt wird die Temposteigerung durch technische Beschleuniger wie dem Flugzeug, welches eine breite Mobilit\u00e4t und die schnelle Erreichbarkeit ferner Destinationen in kurzen Zeiteinheiten erm\u00f6glicht.<\/li>\n<li>Das Wettbewerbsprinzip und der engstens damit verbundene Leistungsgedanke &#8211; x ist schneller, y ist besser -, das in seiner reinsten Form im klassischen Wettkampfsport verwirklicht ist, beginnt nach und nach alle Sph\u00e4ren des Lebens zu durchdringen. Konkurrenz wird in immer st\u00e4rkerem Ma\u00dfe zum dominanten Interaktionsmodus in der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft, selbst Bereiche wie Wissenschaft, Kunst, Bildung und Gesundheit werden wettbewerbsf\u00f6rmig organisiert, Leistungs- und Effizienzzw\u00e4nge verselbst\u00e4ndigen sich dadurch.<\/li>\n<\/ol>\n<p><a name=\"_Toc231827767\"><\/a><strong>Multioptionalit\u00e4t und Beschleunigung, oder: Die Qual der Wahl<br \/>\n<\/strong>\u00dcber das verl\u00e4ngerte Wochenende auf den Mont Blanc &#8211; man verbraucht nur einen Urlaubstag, die Kinder sind leicht unterzubringen; im Fr\u00fchjahr mit Freunden ins Tessin zum Bouldern; im Herbst nach Nepal zum Trekking, oder sollte man diesmal Patagonien ins Auge fassen? &#8211; die Schitouren in Norwegen werden sich erst n\u00e4chstes Jahr ausgehen; dazwischen noch eine Woche Klettern in Sizilien, mit einem Flug um Euro 99.- In den zwei Wochen Sommerurlaub im vollbepackten Van ab nach S\u00fcdfrankreich, Klettersachen, Mountain Bikes, Kajakausr\u00fcstung und Laufschuhe sind mit dabei.<\/p>\n<p>Ein \u201eKult der Aktivit\u00e4t\u201c (Kocyba) hat auch die fernsten Bergr\u00e4ume erfasst. Statt sich auf eine Sportart zu konzentrieren, werden viele verschiedene Sportarten und Bewegungsformen parallel zueinander- oder hintereinander ausge\u00fcbt. Werte wie Spa\u00df, Freude, Individualit\u00e4t und Selbstbestimmtheit stehen dabei im Vordergrund. Darin zeigt sich eine kulturelle Maxime unserer \u201eErlebnisgesellschaft\u201c (Schulze), deren Motto lautet: Erlebe Dein Leben! Nutze es, um Dir m\u00f6glichst viele \u201esch\u00f6ne\u201c, das hei\u00dft aufregende,<br \/>\nspannende, interessante Erlebnisse zu verschaffen! Eine Vielfalt an M\u00f6glichkeiten und Optionen lockt, allein die Zahl der Outdoor-Sportarten ist in den letzten Jahrzehnten extrem angestiegen: Man kann w\u00e4hlen zwischen Canyoning, Paragliding, River Rafting, Telemarken, Hochseilg\u00e4rten, Kite-Surfen, Freeriden und vielem mehr. Auch innerhalb der einzelnen Sportarten gibt es immer gr\u00f6\u00dfer werdende Auswahlm\u00f6glichkeiten. Man geht nicht einfach Klettern, sondern muss sich entscheiden zwischen alpinem Felsklettern, Sportklettern, Wettkampfklettern, Bouldern &#8211; in der Halle oder am Fels -, Dry-Tooling, Deep-Water-Soloing oder Speed-Klettern, um nur einige Varianten aufzuz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Doch wer die Wahl hat, hat die Qual. Die ausufernden Wahlm\u00f6glichkeiten wirken wie ein Zwang. Denn gleichzeitig mit ihnen kommt die Angst etwas zu verpassen auf, was dazu f\u00fchrt, dass das Tempo der Handlungen erh\u00f6ht wird: Man verk\u00fcrzt den einzelnen Urlaub, um mehrere pro Jahr realisieren zu k\u00f6nnen, und\/oder man verdichtet die Aktivit\u00e4ten innerhalb des Urlaubs, um m\u00f6glichst viele davon unterzubringen zu k\u00f6nnen. Gleichzeitig werden Pausen und Phasen des Nichts-Tuns systematisch eliminiert.\u00a0Zus\u00e4tzlich exponentiell vervielf\u00e4ltigt wurden die M\u00f6glichkeiten des Einzelnen durch die Verbilligung des Fliegens: Flogen 1971 flogen nur 2 Millionen Passagiere pro Jahr<br \/>\nweltweit, so waren es 1981 bereits 44 Millionen, heute sind 500.000 Menschen gleichzeitig im Flugzeug unterwegs. Wir k\u00f6nnen in k\u00fcrzester Zeit weit entfernte Orte erreichen, die Welt ist \u201eklein\u201c geworden, der Raum quasi geschrumpft. Auch dies tr\u00e4gt zur Verknappung der Zeitressourcen bei und zum weitverbreiteten Gef\u00fchl der Zeitnot: Als Konsequenz daraus verdr\u00e4ngt Convenience Food aufw\u00e4ndiges Kochen, ersetzen schnelle Kurzurlaube langsamere Reiseformen, und werden Pauschal-Urlaube gebucht statt fremde Landschaften und Gegenden erkundet.<\/p>\n<p>Zeitstrukturen, so der Soziologe Rosa, seien abh\u00e4ngig von der jeweiligen Kultur und daher immer kollektiver Natur. Der einzelne k\u00f6nne \u00fcber die Qualit\u00e4t, das Tempo und den Rhythmus der eigenen Zeit keineswegs so frei entscheiden, wie dies Zeitplanungssysteme suggerieren w\u00fcrden. Der allgemeinen Steigerung des Lebenstempos, wie sie f\u00fcr unsere sp\u00e4tmoderne Gesellschaft charakteristisch sei, unterliege man daher fast schon notgedrungen.<\/p>\n<p><a name=\"_Toc231827768\"><\/a><strong>Leistungs- und Wettbewerbsdenken, oder: Schneller \u2013 h\u00f6her &#8211; weiter<br \/>\n<\/strong>Auf der einen Seite gibt es, wie bereits aufgezeigt, eine Zunahme an Outdoor-Sportaten, bei denen Spa\u00df und Freude an der Bewegung im Zentrum stehen, auf der anderen Seite steigt auch im Bergsportbereich die Bedeutung von Leistung und Effizienz, was sich sowohl in sportlichen Wettk\u00e4mpfen und Wettkampf-Events, wie Bergl\u00e4ufen, Schitouren-Rennen und Multi-Disziplinen-Wettk\u00e4mpfen wie den Dolomiten Mann als auch jenseits davon zeigt.\u00a0So nahmen 2012 rund 800 Teilnehmer beim Berglauf auf den Gro\u00dfglockner teil, dies korrespondiert mit dem Boom an Gro\u00df-Events im Breitensport, wie St\u00e4dtemarathons, Radrennen oder Triathlons.<\/p>\n<p>Als logische Konsequenz dieses allgemeinen Trends zur \u201eVersportlichung\u201c l\u00e4sst sich auch jenseits von offiziellen Wettk\u00e4mpfen beobachten, dass die Bergr\u00e4ume zunehmend zu Trainingsorten und Schi- oder Bergtouren zu Konkurrenzveranstaltungen werden: Auf den 1.200 H\u00f6henmetern soll die pers\u00f6nliche Bestmarke herabgesetzt werden, gleichzeitig wird der pers\u00f6nliche Rekord zur Benchmark f\u00fcr die langsamer Nachschnaufenden.\u00a0Das Regelwerk des traditionellen Wettkampfsports setzt sich in der breiten Masse der Berg-Sporttreibenden weitgehend unhinterfragt durch: Zeiten werden verglichen, H\u00f6henmeter gemessen; \u00fcberlaufene, aber prestigetr\u00e4chtige Gipfel m\u00fcssen dieser Logik zufolge \u201egemacht\u201c werden, weil es sich dabei um \u201eherzeigbare\u201c Leistungen handelt. Sie erinnern sich an Reinhard Karl, den Ausnahmebergsteiger? So mancher Bergsportler erliegt heute den gleichen Zeit- und Leistungszw\u00e4ngen wie dieser, was verwunderlich erscheint, da meistens OHNE Aussicht auf objektive H\u00f6chstleistungen.<\/p>\n<p>Die Versportlichung von Aktivit\u00e4ten, und der damit verbundene Leistungs- und Bew\u00e4hrungszwang, l\u00f6st wiederum &#8211; wie die Multioptionalit\u00e4t \u2013 die bekannten Ph\u00e4nomene des Freizeitstresses aus. Denn man \u201ebesitzt\u201c die mit der sportlichen Leistung verbundene Anerkennung niemals, sondern es besteht die Gefahr, diese auch wieder zu verlieren. Die Bew\u00e4hrung durch Leistung wird so zu einer Daueraufgabe.\u00a0Der Bergsport spiegelt hier nur allgemeine Vergesellschaftungsmuster: Die Gewinner im gesellschaftlichen Wettbewerbszirkel sind gezwungen so zu handeln, dass dies ihrer Konkurrenzf\u00e4higkeit zutr\u00e4glich ist, und k\u00f6nnen niemals damit aufh\u00f6ren, ohne gleichzeitig etwas zu verlieren oder aufzugeben.\u00a0Wie sehr das Leistungs- und Wettbewerbsprinzip, sobald es dominant wird, alternative Modi von Weltbeziehungen verdr\u00e4ngt, wird durch das folgende Beispiel illustriert:<\/p>\n<p><a name=\"_Toc231827769\"><\/a><strong>Vom Lebensstil zum Wettkampfsport<br \/>\n<\/strong><em>\u201eMan geht nicht NACH dem Klettern einen Kaffee trinken, sondern Kaffeetrinken IST Teil des Kletterns\u201c<\/em>, meinte Wolfgang G\u00fcllich, einer der f\u00fchrenden Sportkletterer seiner Zeit. In einem Artikel f\u00fcr das DA\u00a0<a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Unknown1.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" size-full wp-image-129 alignright\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Unknown1.jpeg\" alt=\"Unknown\" width=\"246\" height=\"205\" \/><\/a>V-Jahrbuch beschrieb er 1989 den Lebensstil des Sportkletterers folgenderma\u00dfen. Klettern, so G\u00fcllich, biete <em>&#8222;die gro\u00dfartige Chance jenseits der k\u00f6rperlichen Leistung eine phantastische Natur zu erleben, in interessante L\u00e4nder zu reisen, mit Freunden im Cafe herumzuh\u00e4ngen und sich nicht von Trainern und Offiziellen sagen zu lassen, was man zu tun hat. Insofern wird der Sport auch zum Lebensstil (&#8230;) Es gilt also die nichtentfremdete Leistung als wesentliches Prinzip: \u00fcber das Wie, Wann und Wo einer Aktivit\u00e4t entscheidet der Kletterer selbst.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Den ersten Sportkletterwettk\u00e4mpfen, die noch an Naturfelsen ausgetragen wurden, begegnete er mit einer geh\u00f6rigen Portion Skepsis, in welcher sich auch weitgehend das Unbehagen einer ganzen Generation von Kletterern und Kletterinnen daran ausdr\u00fcckte. Folgende kritische Fragen stellte der Ausnahmekletterer G\u00fcllich in bezug auf die Durchf\u00fchrung von Wettk\u00e4mpfen in den Raum: Erhalte durch die Konkurrenz und den direkten Vergleich nicht der <em>Leistungsgedanke eine zu starke Akzentuierung<\/em>? Schiebe er sich nicht in den Vordergrund, um <em>zum Ma\u00df aller Dinge<\/em> zu werden? W\u00fcrden dadurch nicht Ideale wie Selbstverwirklichung, Kreativit\u00e4t, Selbstbestimmung, die den Lebensstil des Sportkletterns ausmachten, zweitrangig? Werde die subkulturelle Sportkletterbewegung durch das Austragen von Wettk\u00e4mpfen nicht immer mehr zum <em>Spiegelbild der Gesellschaft<\/em>? Und last but not least: Bedeute die sich anbahnende Entwicklung zum Wettkampfsport\u2013 nicht mehr selbst \u00fcber das Wann, Wo und Wie der Aktivit\u00e4t bestimmen zu k\u00f6nnen \u2013 nicht einen gravierenden <em>Verlust an Individualit\u00e4t<\/em> f\u00fcr jeden Kletterer?<\/p>\n<p>Vor rund f\u00fcnfundzwanzig Jahren nahm Wolfgang G\u00fcllich bereits weitsichtig eine Entwicklung im Klettersport vorweg, die mittlerweile unhinterfragt Realit\u00e4t wurde: Kletterwettk\u00e4mpfe sind allt\u00e4glich geworden und mit ihnen hat sich der Leistungsgedanke in den Vordergrund gedr\u00e4ngt; Selbstverwirklichung und Kreativit\u00e4t sind nachrangig geworden, schon die Allerkleinsten werden in Kindercups auf die sp\u00e4tere Wettkampftauglichkeit hintrainiert; der Verlust an Individualit\u00e4t wird nicht mehr reflektiert, die Berichterstattung ist dominiert durch Platzierungen und Ranglisten. Im Klettern hat sich das Wettkampfmodell durchgesetzt und den subkulturellen Lebensstil in kleine Biotope verwiesen; Sportklettern wurde dadurch mehr und mehr zu einem Spiegelbild der Gesellschaft.<\/p>\n<div id=\"attachment_143\" style=\"width: 203px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Handke.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-143\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-143 size-full\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Handke.jpeg\" alt=\"Handke\" width=\"193\" height=\"261\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-143\" class=\"wp-caption-text\">Peter Handke<\/p><\/div>\n<p><a name=\"_Toc231827770\"><\/a><strong>Resonanzsph\u00e4ren, oder: \u201eIch bin kein Aktivwanderer\u201c<br \/>\n<\/strong>W\u00e4hrend Beschleunigung und Wettbewerbsdenken die M\u00f6glichkeit, sich Weltausschnitte in Erfahrungen anzueignen verringern, bewirken \u201esch\u00f6ne\u201c Naturerlebnisse das Gegenteil. Es sei die existentielle Empfindung des Getragen- und Gehaltenseins in einer warmen und antwortenden Natur, welche eine Resonanzerfahrung ausmache, so der Soziologe Rosa: Wenn man beispielsweise bei Sonnenaufgang auf einem Berggipfel ergriffen ist und die Welt \u201eatmen\u201c h\u00f6rt, oder wenn man auf einer Schitour sp\u00fcrt, wie sie der \u201eSeele\u201c gut tut, oder beim Klettern eine \u201einnige Verbindung\u201c zu einer besonderen Route aufbaut und im Einklang mit dem Au\u00dfen ist.\u00a0Einer der auf die \u201eErsch\u00fctterung <em>durch<\/em> Sch\u00f6nheit\u201c aus ist, die erst in der \u201esteten Natur-Betrachtung und Versenkung Form gewinnt\u201c, ist der Schriftsteller Peter Handke. Er ist ein leidenschaftlichen Geher. F\u00fcr ihn ist <em>&#8222;Gehen\u00a0essentiell. Bergaufgehen vor allem. Ich gehe immer. Zuletzt im Friaul. Ich gehe. Das Wort \u201ewandern\u201c mag ich ja nicht. Aber gehen. Weit gehen. Weit muss es sein. Ohne das aber in Zahlen messen zu wollen. Weil das Leben kann man nie in Zahlen erz\u00e4hlen.&#8220;<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_94\" style=\"width: 442px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-94\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-94 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/F\u00fc\u00dfe-300x225.jpeg\" alt=\"F\u00fc\u00dfe\" width=\"432\" height=\"324\" srcset=\"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/F\u00fc\u00dfe-300x225.jpeg 300w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/F\u00fc\u00dfe-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/F\u00fc\u00dfe.jpeg 1600w\" sizes=\"(max-width: 432px) 100vw, 432px\" \/><p id=\"caption-attachment-94\" class=\"wp-caption-text\">Archiv: W.Krainz<\/p><\/div>\n<p>Wird der moderne Sport gekennzeichnet durch die exakte Vermessung von Raum und Zeit, wie sie sich in Stunden-, Kilometer- und H\u00f6henangaben zeigt, so verachtet Handke diesen \u201eTerror der Abstraktion\u201c(Assheuer), der alles kalkuliert und berechnet. Ihm liegt es fern, Modeberge oder ber\u00fchmte Gipfel zu besteigen, die Wahl des Reiseziels h\u00e4ngt f\u00fcr ihn nicht \u201evom Prestige ab, das ihm anhaftet\u201c. Der Schriftsteller begeht \u201enat\u00fcrliche, alte Wege\u201c in Spanien oder S\u00fcdfrankreich, im Kosovo und in Serbien. Er erkundet Landschaften und Gegenden wie die Pyren\u00e4en, \u201eda kenne ich inzwischen fast alle P\u00e4sse und alle T\u00e4ler\u201c, so Handke.\u00a0Beim gehenden Unterwegs-Sein und bei den Reisen zu Fu\u00df wird der im Alltag als geschrumpft erfahrene Raum in der pers\u00f6nlichen Wahrnehmung \u201egedehnt\u201c und der ansonsten fast schon verk\u00fcmmerte \u201eanthropologische Raumsinn\u201c (Kaschuba) wieder aufgewertet:\u00a0<em>&#8222;Bergaufgehen ist sehr wichtig, Bergaufgehen ist gut f\u00fcr die Seele. Aber nicht unbedingt Klettern. Ich mag Landschaften, wo es bergauf und bergab geht. (&#8230;) Und ab und zu wirklich steil und dann wieder plateauhaft. (&#8230;) Es muss ein guter Rhythmus sein zwischen Besiedelung und Menschenleere.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Entfernungen w\u00fcrden durch das langsame Gehen wieder real werden, meint auch die italienische H\u00f6henbergsteigerin Nives Meroi. Das Gute an den Reisen im Himalaya sei, dass man sie <em>\u201enoch zu Fu\u00df machen muss. (&#8230;) Die Langsamkeit erlaubt es dir, in die Landschaft einzutreten, deine Sinne in ihr zu sp\u00fcren.\u201c\u00a0<\/em>Die Sinne vollkommen zu \u00f6ffnen, um zu schauen, Eindr\u00fccke zu sammeln und auch das Unscheinbare hingebungsvoll wahrzunehmen &#8211; dies ist nur m\u00f6glich in relativer Einsamkeit. Deshalb ist Handkes Zugang ein radikal individualisierter, er geht<em> \u201eimmer allein. Das ist entschieden. Ich sehe einfach nichts, wenn ich mit anderen gehe. Schauen ist eine Gnade. Ich bin kein Aktivwanderer.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Lieblingsgegend seiner \u201ejungen Jahre\u201c ist der Karst, die Hochfl\u00e4che \u00fcber dem Golf von Triest. Im Roman \u201eDie Wiederholung\u201c beschreibt der Ich-Erz\u00e4hler den Karst als seine pers\u00f6nliche Resonanzsph\u00e4re:\u00a0<em>&#8222;Das Hochgef\u00fchl der Freiheit bei jeder neuen Ankunft kam von keiner Entr\u00fcckung. Nicht losgel\u00f6st wusste ich mich, vielmehr verbunden, endlich.&#8220;<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_104\" style=\"width: 441px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-104\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-104 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_3942-Kopie-300x225.jpg\" alt=\"IMG_3942 Kopie\" width=\"431\" height=\"323\" srcset=\"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_3942-Kopie-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_3942-Kopie-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_3942-Kopie.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 431px) 100vw, 431px\" \/><p id=\"caption-attachment-104\" class=\"wp-caption-text\">Der Karst, Foto: W.Krainz<\/p><\/div>\n<p>Es ist die Art der Raum-, Zeit- und Selbstwahrnehmung, die dar\u00fcber entscheidet, ob eine Naturerfahrung zum Gef\u00fchl des Getragen-Seins und der Freiheit oder der Entfremdung und der Unfreiheit f\u00fchrt \u2013 dies wurde von Reinhard Karl pr\u00e4gnant beschrieben. Und dessen ist sich auch Peter Handke bewusst, der immer wieder im Karst Gehende, der sich vom warmen Wind dort gleichsam befreien l\u00e4sst:\u00a0<em>&#8222;Woher kam, schon mit dem ersten Sich-Umblicken damals, diese Freiheit? Wie kann eine Landschaft \u00fcberhaupt etwas wie \u201eFreiheit\u201c bedeuten? (&#8230;) Als Antwort f\u00e4llt mir dazu nur der Karstwind ein (und vielleicht dazu noch die Sonne). (&#8230;) Der Karst-Wind ist nicht blo\u00df, weil er unten vom Meer kommt, ein Aufwind: Er greift einem, ungeheuer sanft, unter die Achseln, so dass der Gehende, auch wenn er sich ihm entgegenbewegt, sich von ihm transportiert f\u00fchlt. (&#8230;) und mit ihm verfl\u00fcchtigten sich die Gr\u00fcbeleien, und es kehrte sich wieder jener gro\u00dfe Gedanke, befreiend wie nichts sonst, nach au\u00dfen: Freund, du hast Zeit.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Erschienen in: Alpenvereinsjahrbuch BERG 2014. Hg DAV (M\u00fcnchen), \u00d6AV (Innsbruck), Alpenverein S\u00fcdtirol (Bozen).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In: Alpenvereinsjahrbuch BERG 2014. Hg DAV (M\u00fcnchen), \u00d6AV (Innsbruck), Alpenverein S\u00fcdtirol (Bozen). Eine kulturwissenschaftliche Suche nach dem Verbleib von Erlebnis, Freiheit und Beschaulichkeit beim Bergsteigen. Stetige Beschleunigung und enormer Leistungsdruck pr\u00e4gen unsere sp\u00e4tmoderne Gesellschaft. Wie wirken sich diese gesellschaftlichen Dynamiken &hellip; <a href=\"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=73\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":2,"menu_order":2,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/73"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=73"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/73\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":578,"href":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/73\/revisions\/578"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=73"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}