{"id":82,"date":"2015-08-20T11:46:06","date_gmt":"2015-08-20T09:46:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=82"},"modified":"2024-07-21T16:10:10","modified_gmt":"2024-07-21T14:10:10","slug":"riskante-bewegungspraxen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/?page_id=82","title":{"rendered":"Riskante Bewegungspraxen"},"content":{"rendered":"<h3>In: Sport Studies hrsg. von Matthias Marschik, Rudolf M\u00fcller, Otto Lenz, Georg Spitaler. Wien: facultas Wut UTB 2009.<\/h3>\n<p><strong>Der Sprung vom Eiger<\/strong><\/p>\n<p>Die 1900 Meter hohe Nordwand des Eigers, die ber\u00fchmteste der drei gro\u00dfen Nordw\u00e4nde der Alpen: Gletscher, schneebedeckte Felsen, tiefblauer Himmel. Im Jahr 2001 st\u00fcrzen sich zwei M\u00e4nner \u00fcber diese Wand in die Tiefe, im Video \u201eEiger B.A.S.E.\u201c ist der Sprung festgehalten. Der \u00d6sterreicher Hannes Arch springt aktiv von einem Felsk\u00f6pfchen weg, hebt gleichzeitig Arme und Beine und bringt seinen K\u00f6rper in eine horizontale Lage. Der Schweizer Ueli Gegenschatz tut es ihm gleich, er hat zus\u00e4tzlich einen <em>wing suit<\/em> an, einen winddichten Anzug, der die Sturz- und Flugzeit seines Kollegen, die zwanzig Sekunden betr\u00e4gt, auf eineinhalb Minuten verl\u00e4ngert und ihn wie eine gro\u00dfe blaue Fledermaus aussehen l\u00e4sst. An seinem Fu\u00df steigt eine rote Rauchfahne empor, welche seine Fluglinie in der Luft nachzeichnet. Man sieht wie die beiden K\u00f6rper die Wand waagrecht entlang hinunter fallen, der Sprung wird durch Zeitlupe verl\u00e4ngert und wiederholt aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt.<\/p>\n<div id=\"attachment_88\" style=\"width: 264px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-88\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-88 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Exit-2-way-2-197x300.jpg\" alt=\"Exit 2-way 2\" width=\"254\" height=\"387\" srcset=\"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Exit-2-way-2-197x300.jpg 197w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Exit-2-way-2.jpg 425w\" sizes=\"(max-width: 254px) 100vw, 254px\" \/><p id=\"caption-attachment-88\" class=\"wp-caption-text\">Hannes Arch und Uerli Gegenschatz beim Sprung vom Eiger<\/p><\/div>\n<p>Die beiden K\u00f6rper werden extrem beschleunigt, dennoch hat der Sprung nichts gemeinsam mit einem unkontrollierten Absturz, er gleicht vielmehr einem Flug. W\u00e4hrend der <em>Fall<\/em> mit Kontrollverlust und menschlichen Ur\u00e4ngsten verkn\u00fcpft ist, symbolisiert der <em>Flug\u00a0<\/em>die Leichtigkeit, mit der sich G\u00f6tter und Engel, befreit aus den Fesseln der Schwerkraft, in der Luft bewegen. Von der Luft getragen zu werden, bedeute, sich absolut frei zu f\u00fchlen, sagt Hannes Arch.<br \/>\nKurz bevor sie am Boden aufprallen w\u00fcrden, ziehen Hannes und Ueli die Leinen ihrer Fallschirme und landen sanft in der Winterlandschaft. Sie sinken in den Schnee, umarmen sich, strahlen vor Freude.\u00a0Hannes betont im Video den \u201ewundersch\u00f6nen Tag hier am Eiger\u201c und beschreibt den Sprung als \u201eunvergleichbares, als Wahnsinns-Erlebnis\u201c.<\/p>\n<p>Eiger B.A.S.E. endet mit einem Goethe-Zitat: <em>\u201eZum Augenblicke m\u00f6chte ich sagen:\/Verweile doch, du bis so sch\u00f6n.\/Im Vorgef\u00fchl von solchem Gl\u00fcck,\/genie\u00df ich jetzt den h\u00f6chsten Augenblick.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Mit dem Zitat r\u00fccken die Springer den Erlebnischarakter ihres Tuns in den Vordergrund, zum Thema Risiko meint Hannes: <em>\u201eIch springe nur dann runter, wenn ich wei\u00df, es geht gut. Ich w\u00fcrde nicht springen, wenn der Ausgang unbestimmt w\u00e4re, und ich es sozusagen darauf ankommen lie\u00dfe \u201c<\/em>, und: <em>\u201eDie Bedingungen m\u00fcssen stimmen, dann kann da jeder, der sich traut, herunter springen.\u201c<\/em> Letztlich gine es bei Aktionen dieser Art darum, \u201eein Projekt umzusetzen\u201c, oder etwas romantischer ausgedr\u00fcckt, \u201eeinen Traum zu leben\u201c.<\/p>\n<p>Zu Schweben, jenseits der Schwerkraft, ungebunden und locker, mit dem einzigen Ziel das Gl\u00fcck und den intensiven Moment zu genie\u00dfen &#8211; die Umkehr all dessen, was mit den M\u00fchen und Plackereien des allt\u00e4glichen Lebens verbunden ist, aber sich damit gleichzeitig in Gefahr zu bringen, ausgesetzt zu sein und zerbrechlich zu werden: Beides charakterisiert den Zustand des Subjekts in der Postmoderne und beides zeigt sich bildhaft in \u201eEiger B.A.S.E.\u201c.<a name=\"_Toc55544703\"><\/a><\/p>\n<p><strong>Die Postmoderne<\/strong><\/p>\n<p>Der Base Jumper, der mit seinen M\u00f6glichkeiten experimentiert und systematisch die Progression ins Unbekannte wagt, bilde, so die Kulturwissenschafterin Helga Peskoller, \u201ein aller Sch\u00e4rfe die Experimental-Existenz des modernen Menschen ab und vermutlich noch sein Ende.\u201c Sich selbst \u201eerfinden\u201c zu k\u00f6nnen, gleichzeitig jedoch die stabilisierenden Sicherheiten der traditionsorientierten pr\u00e4modernen Existenz zu verlieren \u2013 dies kennzeichnet den Menschen der Moderne. Ist die moderne Grundhaltung noch charakterisiert durch die Klage, ein Leben in M\u00f6glichkeiten bewirke eine \u201eKrise der Lebensfreude\u201c, Orientierungslosigkeit und Werteverlust seien die Folge der Aufl\u00f6sung vorgegebener Identit\u00e4ten, so betont die Sp\u00e4tmoderne oder Postmoderne die Freiheit, die aus der Vielfalt an Optionen erw\u00e4chst.<\/p>\n<div id=\"attachment_145\" style=\"width: 170px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-145\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  wp-image-145\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Gerda.jpeg\" alt=\"Gerda\" width=\"160\" height=\"152\" \/><p id=\"caption-attachment-145\" class=\"wp-caption-text\">Gerda E. Moser<\/p><\/div>\n<p>Die Postmoderne habe, so die Vergn\u00fcgungstheoretikerin Gerda E. Moser, einen lustvoll-hedonistischen Charakter, der die vorhandene Wertevielfalt im Sinne eines Sowohl-als-auch erlaube und nicht in ein rigides Entweder-oder-Schema zu pressen versuche. Da der eine Lebenssinn nicht mehr vorgegeben ist, wird er hergestellt: durch die Mannigfaltigkeit und Unterschiedlichkeit des Erlebens. Der Kultursoziologe Gerhard Schulze dokumentierte Ende der 1980er-Jahre die f\u00fcr die Postmoderne bezeichnende Lebensauffassung. Im Gegensatz zum Lebensmotto \u201eSchaffe, schaffe H\u00e4usle baue\u201c der Nachkriegsgesellschaft, ginge es nun darum, so Schulze, sich ein \u201esch\u00f6nes\u201c, das bedeutet ein angenehmes, spannendes, interessantes Leben zu schaffen. Damit verbunden war ein gesellschaftlicher Individualisierungsschub. Die Gegens\u00e4tze von Konformit\u00e4t und Abweichung wichen einem \u201eflexiblen Normalismus\u201c (Waldschmidt), Normalit\u00e4t ist in der Postmoderne angesichts der Vielfalt an Lebensformen vorstellbar als Kontinuum, auf dem vieles m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Mit der Individualisierung ging jedoch eine h\u00f6here Krisenanf\u00e4lligkeit des Einzelnen einher. Der Verlust traditioneller Bindungen bewirkte eine st\u00e4rkere Abh\u00e4ngigkeit von der Erwerbsarbeit, und damit vom Markt. Doch gerade dieser Bereich b\u00fc\u00dft zunehmend seine ehemaligen Sicherheiten und Schutzfunktionen ein. Der Soziologe Ulrich Beck beobachtete zeitgleich mit Schulzes Beschreibung der Erlebnisgesellschaft die Zunahme von \u201eflexibler, pluraler, dezentraler Unterbesch\u00e4ftigung\u201c, da das Wohl der \u00d6konomie nicht mehr mit der Maximierung des gesellschaftlichen Wohlstandes verkn\u00fcpft wird. Bereits in den 1980er-Jahren wurde in allen hoch- entwickelten Industriel\u00e4ndern mit dem Umbau des Wohlfahrtsstaates begonnen, und die vom Staat bis dahin \u00fcbernommene Verantwortung f\u00fcr gesellschaftliche Risiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Armut zunehmend den einzelnen Individuen \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Mit den steigenden Unsicherheiten im 21. Jahrhundert gehen zahlreiche Aufrufe an den Einzelnen einher, das pers\u00f6nliche Engagement zu erh\u00f6hen: Vom \u201elebenslangen Lernen\u201c \u00fcber selbstoptimierendes Gesundheitsmanagement bis zu Unternehmensvorgaben f\u00fcr MitarbeiterInnen reicht der Aktivierungsimperativ, der als Teil eines neoliberalen Regierungsprogramms zu dechiffrieren ist. \u201eJeder ist seine Gl\u00fcckes Schmied\u201c lautet das dahinter liegende Motto, \u00e4u\u00dfere Determinanten wie konjunkturelle Schwankungen der Wirtschaft, Familienherkunft, lebensgeschichtliche Umst\u00e4nde werden dabei ausblendet.<br \/>\nUnternehmerisch zu handeln wird im neoliberalen Diskurs zur Handlungsmaxime. Diese verdichtet sich in der Figur des unternehmerischen Selbst, welches als Idealfigur Angebote und Anweisungen zum Verhalten unter Bedingungen der Ungewissheit gibt. Demnach solle das Individuum autonom und selbstbestimmt sein, risikofreudig Entscheidungen treffen, sich flexibel verhalten, mobil sein, innovativ und kreativ agieren, und seine menschlichen Beziehungen und seine Freizeit im Sinne der Optimierung seiner Ressourcen f\u00fcr die Berufswelt nutzen.<\/p>\n<p>Das unternehmerische Selbst bezeichnet dabei keine realen Personen, vielmehr stelle es, so Br\u00f6ckling, eine \u201eRealfiktion\u201c da.\u00a0Am Beispiel des unternehmerischen Subjekts zeigt sich, dass neoliberale Imperative und Regierungstechnologien auf das Subjekt nicht mehr direkt disziplinierend einwirken, sondern versuchen, es indirekt mittels Selbsttechniken zu steuern. So kann das \u201eproduktive Feld der Macht\u201c bis in die letzten Ver\u00e4stelungen der allt\u00e4glichen Lebensf\u00fchrung seine Wirkung entfalten. Dennoch k\u00f6nnen Steuerungs- und Regierungstechnologien das Subjekt und sein Verhalten niemals vollst\u00e4ndig determinieren, es bleiben ihm stets mehrere Handlungs- und Reaktionsm\u00f6glichkeiten offen.<\/p>\n<p>Inwieweit es dem Subjekt m\u00f6glich ist, angesichts einer F\u00fclle gesellschaftlicher Mikrotechniken der Macht eine gewisse Unabh\u00e4ngigkeit zu erlangen, dieser Frage ging der wohl relevanteste Analytiker der Macht, Michel Foucault, in der Untersuchung antiker Selbsttechniken nach.<br \/>\nDiese Techniken wurden durch \u201eeine Ethik der Sorge um sich\u201c bestimmt, die sich aus einer Vielzahl allt\u00e4glicher Anleitungen \u2013 von der richtigen Ern\u00e4hrung, k\u00f6rperlichen \u00dcbungen, Reflexionen, sexuellen Handlungen bis hin zur Haushaltsf\u00fchrung \u2013 zusammen setzte. Die individuellen Praktiken, die sich daraus ergaben, erm\u00f6glichten es dem (m\u00e4nnliche) Subjekt, sein Leben einzigartig und in einer kunstfertigen Weise zu gestalten.<\/p>\n<p>Foucault zeigte auf, dass mittels Selbsttechniken Subjekte nicht nur gesteuert werden k\u00f6nnen, sondern dass sie subversiv gegen Regierungs- und Disziplinierungstechnologien eingesetzt werden k\u00f6nnen. So wurden Selbsttechniken in den sp\u00e4ten 1960ern von der Gegenkultur als Protesttechniken benutzt, in den letzten drei\u00dfig Jahren hat sich jedoch ihre gesellschaftliche Funktion ver\u00e4ndert, heute sind sie wesentlicher Bestandteil einer \u201ezum Leben in der Postmoderne notwendigen neuen Lebenskunst\u201c (Opitz 2004, S. 86). <a name=\"_Toc55544706\"><\/a><\/p>\n<p><strong>Praktiken postmoderner Bewegungskultur<\/strong><\/p>\n<p>Betrachtet man das Feld postmoderner Bewegungskultur so stellt sich die Frage, in welcher Form einerseits gesellschaftliche Imperative und Programme am K\u00f6rper andocken, um das Subjekt zu steuern, und wie die Subjekte anderseits die sich ihnen dadurch auch er\u00f6ffnenden Freir\u00e4ume zur Selbstgestaltung benutzen k\u00f6nnen.\u00a0Das bunte Feld der Bewegungskultur unterscheidet sich vom traditionellen Sport zun\u00e4chst durch eine extreme Vielfalt an Bewegungsformen samt Differenzierungen derselben auf. Beispielhaft sei hier der Bereich der Trend- und Funsportarten angef\u00fchrt: Skateboarden \u2013 auf der Stra\u00dfe oder im \u201eAllterrain\u201c-Bereich, Inlineskaten \u2013 mit unterschiedlichsten Differenzierungen vom Inline Hockey bis zumFreestyle Skating, Wakeboarden, Kite-Surfen, Windsurfen, Wellenreiten, Beachvolleyball, Snowboarden \u2013 samt Rock- und Sandboarden, Freeriden, sowie Climbing, auf Felsen und Indoor oder als Bouldern.<\/p>\n<div id=\"attachment_148\" style=\"width: 285px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Capuera.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-148\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-148 size-full\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Capuera.jpeg\" alt=\"Capuera\" width=\"275\" height=\"183\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-148\" class=\"wp-caption-text\">Capuera<\/p><\/div>\n<p>Viele dieser Trends kommen \u201evon der Stra\u00dfe\u201c oder entstehen in kleinen Nischen wie der Stra\u00dfentanz Capuera. In den Trendsportarten liegt der Schwerpunkt zumeist auf akrobatischem Geschick, die Szenen sind gepr\u00e4gt von einem jungen Publikum. Auffallend ist der spielerisch-experimentelle Charakter dieser Bewegungspraktiken: Der K\u00f6rper wird in neuen und alternativen Formen gen\u00fctzt, er wird beschleunigt, gedreht, quer gelegt, hinauf katapultiert oder \u2013 wie in den Fallpraktiken \u2013 in die Tiefe geworfen. Diese dynamisch-explorierende, manchmal auch risikoreiche Nutzung des K\u00f6rpers grenzt die Akteure von der Art der K\u00f6rpernutzung im Fitness-Bereich ab. Mit dem neuartigen K\u00f6rpereinsatz korrespondieren alternative Formen der Raumnutzung: im Parcours beispielsweise werden st\u00e4dtische R\u00e4ume entgegen ihrer urspr\u00fcnglichen Bestimmung gen\u00fctzt.<\/p>\n<div id=\"attachment_106\" style=\"width: 332px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Robert-Zaghloul-Radenthein.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-106\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-106 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Robert-Zaghloul-Radenthein-225x300.jpg\" alt=\"Robert Zaghloul Radenthein\" width=\"322\" height=\"429\" srcset=\"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Robert-Zaghloul-Radenthein-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Robert-Zaghloul-Radenthein-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Robert-Zaghloul-Radenthein.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 322px) 100vw, 322px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-106\" class=\"wp-caption-text\">Bouldern; Foto: Markus Groinig<\/p><\/div>\n<p>Der Trendsport- und Outdoorsport-Bereich geht in manchen Bereichen nahtlos in den Bereich der Risiko- und Extremsportarten \u00fcber. Viele Sportarten, wie Klettern, Canyoning, Mountainbiken, Triathlon k\u00f6nnen exzessiv oder mit erh\u00f6htem Risiko als Extremsport betrieben werden. Die Zuordnungen zu diesem Bereich divergieren erheblich, oftmals werden kaum vergleichbare Sportarten undifferenziert miteinander verbunden: Bungee Jumpen ist beispielsweise nicht gef\u00e4hrlicher als Achterbahnfahren, Base-Jumpen jedoch sehr risikoreich. Opaschwoski f\u00fchrt als Risikosportarten neben Bungee Jumping und Fallschirmspringen, Outdoorsportarten wie Canyoning, Free Climbing (gesichert am Seil), Mountain Biken, Paragliding und River Rafting an. Bette subsumiert darunter W\u00fcstenmarathons, Eisklettern, H\u00f6hlentauchen, Surfen, Drachenfliegen, Extremradfahren, Segeln, H\u00f6henbergsteigen und auch Base-Jumpen. \u201eExtrem\u201c kann sein, was spektakul\u00e4r ist und\/oder extrem beschleunigt, was m\u00f6glichst lang dauert, was unkalkulierbare Gefahren enth\u00e4lt oder was extreme Schmerz- und Ersch\u00f6pfungszust\u00e4nde hervorruft. Norden f\u00fchrt \u00fcberdies als Beispiel f\u00fcr die Extremisierung des Sports das Verletzungsrisiko beim Skateboarden an. Aufgrund der zunehmenden Un\u00fcbersichtlichkeit kann das vereinheitlichende Etikett des \u201eExtremen\u201c den vielf\u00e4ltigen Praktiken heute letztlich jedoch kaum mehr gerecht werden.<\/p>\n<p>Die hohe Diversifikation der Bewegungsformen f\u00fchrt dazu, dass die Bewegungstreibenden mehrere Sportarten beherrschen, diese parallel aus\u00fcben oder rasch von einer zur anderen wechseln: Outdoor-Sportler fahren mit Ausr\u00fcstung f\u00fcrs<br \/>\nKlettern, Kajak fahren, Mountainbiken und Raften in den Urlaub; Frauen mittleren Alters sind beim Nordic Walking, bei Pilates-Kurs an der Volkshochschule oder Yoga-Abenden mit Freundinnen anzutreffen.\u00a0Hand in Hand mit der Differenzierung der Bewegungspraktiken geht eine st\u00e4rkere Individualisierung einher: Die\/der Einzelne betreibt Sport oder Bewegung unabh\u00e4ngig von einem Verein, stark erlebnisorientiert, mit wechselnden Bewegungspartnern, in kleinen Gruppen oder Szenen.<\/p>\n<p>Mit den Trends im Freizeitsportbereich ist eine zunehmende Kommerzialisierung verbunden, das Angebot an Bekleidung, Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nden und Kursen wird st\u00e4ndig vergr\u00f6\u00dfert. Denn die bewusste Wahl des richtigen Sportger\u00e4tes sowie der passenden Sportbekleidung \u2013 als \u201ealltags\u00e4sthetische Zeichen\u201c \u2013 wird benutzt, um Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten sportlichen Szene zu signalisieren. Daher sind am Marienplatz in M\u00fcnchen oft mehr Personen mit hochgebirgstauglichen Jacken anzutreffen als in Chamonix, der Bergsteigerhauptstadt der franz\u00f6sischen Alpen.<\/p>\n<p>Soziale Distinktion wird in den unterschiedlichen Bewegungskultur nicht mehr prim\u00e4r durch Mitgliedschaft bei elit\u00e4ren Clubs oder speziellen Vereinen erzeugt, die M\u00f6glichkeit der Teilnahme ist vielmehr gebunden an frei verf\u00fcgbares Einkommen und frei verf\u00fcgbare Zeit. <a name=\"_Toc55544708\"><\/a><\/p>\n<p><strong>Hab Spa\u00df! Bleibt fit!<\/strong><\/p>\n<p>In der Bewegungskultur kommt ein \u201eKult der Aktivit\u00e4t\u201c (Kochba) mitsamt einer F\u00fclle von Aktivierungsapellen zum Vorschein: Jeder, der sich bewegt, zeigt, dass er aktiv ist und seinen K\u00f6rper als Ressource und pers\u00f6nliches Kapital n\u00fctzt.\u00a0Die Selbstaktivierungsimperative wirken in den vielf\u00e4ltigen Bereichen der Bewegungskultur jedoch h\u00f6chst unterschiedlich. In den Trend- und Funsportarten zeigt sich eine Form des Erlebnisanspruchs, welche Schulze als Spannungsschema bezeichnet. Hier geht es um Action, Spa\u00df und Abwechslung, aber auch um Abgrenzung vom Biederen und Konventionellen. Dieses Bed\u00fcrfnis nach Distinktion f\u00fchrt zu neuartigen Formen Selbstinszenierung und K\u00f6rpernutzung, welche durchaus narzisstischen Charakter haben. Im Unterschied zum Subjekt der Fitnessszene modelliert sich das Trend- und Risikosport-Subjekt nicht \u201ef\u00fcr den Job\u201c oder \u201ef\u00fcr die Figur\u201c, sondern ausschlie\u00dflich \u201ef\u00fcr sich\u201c.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu ist der Fitness- und Wellness-Bereich gepr\u00e4gt durch den Imperativ zur Effizienz und zur allumfassenden Selbstoptimierung. Um \u201efit zu sein\u201c gen\u00fcgt es nicht, Ausdauer- und K<br \/>\nraftsportarten auszu\u00fcben oder Aerobic-\u00dcbungen zu machen, Fit-Sein wird zum Programm f\u00fcr den \u201erichtigen\u201c Lebensstil. Dieser umfasst die Ern\u00e4hrung ebenso wie diementale Entspannung, die pr\u00e4ventive R\u00fcckengymnastik ebenso wie die Work-Life-Balance. Aktivierung und M\u00e4\u00dfigung, Anspannung und Wohlf\u00fchlen werden darin miteinander verbunden. Das Fitness-Konzept ist flexibel genug, um unterschiedlichste Zielgruppen in sich aufzunehmen. Es verspricht Frauen die \u201eIdealfigur\u201c, M\u00e4nnern mehr Leistungsf\u00e4higkeit, SeniorInnen den Erhalt ihrer Gesundheit.<\/p>\n<p>Doch fit ist man nicht nur um der Fitness wegen, man soll damit \u201eFit for the Job!\u201c oder im besten Falle \u201eFit f\u00fcr \u00d6sterreich!\u201c (www.fitfueroesterreich.at) werden. Denn fitte Menschen erh\u00f6hen die Produktivit\u00e4t ihrer Arbeitskraft und tragen dazu bei, die volkswirtschaftlichen Kosten von Bewegungs-Mangel-Krankheiten zu reduzieren.\u00a0Im Fit- und Gesund-Sein dr\u00fcckt sich aus, dass das Subjekt seine Selbstverantwortung wahrgenommen hat, dass es bereit ist, dem Stress, dem Druck, der Umweltbelastung entgegen zu wirken. Dieser \u201ezwanglose Zwang zur Selbstoptimierung\u201c (Kocyba 2004) ist verbunden mit der Distinktion all jenen gegen\u00fcber, die nicht Fit-Sein k\u00f6nnen oder wollen: biertrinkenden Coutch-Potatos, kettenrauchenden K\u00fcnstlern ebenso wie ImmigrantInnen.<\/p>\n<p>Der Fitness-Imperativ dient durchwegs einer Bio-Politik, welche auf die \u00f6konomische Nutzbarmachung des K\u00f6rpers abzielt. Im v\u00f6lligem Gegensatz zu den Effizienzsteigerungs- und Selbstoptimierungsprogrammen steht jener Bereich des Risikosports, in welchem der Sportler sein Leben bewusst und geplant aufs Spiel setzt. Wenn Hannes und Ueli vom Eiger springen, k\u00f6nnen sie trotz bester Vorbereitung das verbleibende Restrisiko nicht eliminieren. Da Gesundheit ein gesellschaftlicher H\u00f6chstwert ist (Luhmann), und es daher gemeinhin als \u201eunvern\u00fcnftig\u201c gilt, sein Leben freiwillig zu gef\u00e4hrden, kommen Risikosportler schnell unter erheblichen Legitimationsdruck. Die Gegen\u00fcberstellung von \u201eextrem\u201c und \u201enormal\u201c zieht unterschiedlichste Erkl\u00e4rungsversuche nach sich, welche bis zur Pathologisierung des Tuns f\u00fchren k\u00f6nnen. Nicht so sehr das \u201eWarum?\u201c sei hingegen hinterfragenswert, so Peskoller, sondern vielmehr der gesellschaftliche Umgang mit dem, was nicht \u201evern\u00fcnftig werden kann oder will&#8220;.<\/p>\n<p>Da der gesellschaftliche Prozess der Modernisierung darauf abzielt, mittels Disziplinierung und Versicherung Kontingenzerfahrungen zu eliminieren, beinhaltet der \u201eunvern\u00fcnftige\u201c Umgang mit dem Risiko auch eine massive Kritik an den Grundvorstellungen der Moderne (Bette). Die Akteure entziehen sich \u2013 wenn auch nur f\u00fcr kurze Zeitabschnitte \u2013 ostentativ dem Zugriff der fast allumfassenden Bio-Macht. Denn die produktive Macht, die das Leben verwaltet und bewirtschaftet, f\u00fchre, so Foucault, gleichzeitig zu einer Disqualifikation des Todes. In dem Moment, wo die Macht ihre Zugriffe auf das Leben richte, werde der Tod \u2013 und auch die Ann\u00e4herung an diesen \u2013 zum \u201eprivatesten\u201c Punkt der Existenz.\u00a0Der Sprung vom Eiger kann demnach auch als subversive Praxis betrachtet werden: In ihm zeigt sich postmoderne Vernunftkritik ebenso, wie ein Widerstand gegen dominanierende Effizienz- und Gesundheitsimperative. Der Umgang mit Zuf\u00e4lligkeit und Irrtum wird hier zum Gegenstand kreativer Bew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p><strong>Vom Bergsport zum Climbing<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_151\" style=\"width: 418px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/lauterbrunnen.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-151\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-151 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/lauterbrunnen.jpeg\" alt=\"lauterbrunnen\" width=\"408\" height=\"306\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-151\" class=\"wp-caption-text\">Lauterbrunnental mit Staubbachfall im Berner Oberland, Schweizer Alpen, gemalt Ende 19. Jahrhundert<\/p><\/div>\n<p>\u201eIn den Bergen ist die Freiheit!\u201c l\u00e4sst Schiller Wilhem Tell sagen. Die Berge sind seit der Romantik utopische Gegenorte zu den st\u00e4dtischen R\u00e4umen und werden mit der Hoffnung auf Befreiung von gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen verbunden. Doch im Gegensatz zum Wunschort Berg wirken in den realen Bergr\u00e4ume menschenfeindliche Kr\u00e4fte: Die kahlen Fl\u00e4chen und Felsw\u00e4nde oder die Eis- und Schneemassen in h\u00f6heren Regionen bilden ein Umfeld, das der Mensch nicht kontrollieren, und in welchem er teilweise nicht lange \u00fcberleben kann. In welcher Form werden nun diese gesellschaftsfernen R\u00e4ume zu Orten, an denen Regierungs- und Selbsttechniken aufeinander treffen?<\/p>\n<p>Mit der gegenkulturellen Bewegung der sp\u00e4ten 1960er-Jahre kam diesen R\u00e4umen in bestimmten Bereichen des Bergsports eine neo-romantische Bedeutung zu. Wurden die Berge in den Anf\u00e4ngen des Alpinismus im 19. Jahrhundert zur b\u00fcrgerlichen Selbstherstellung genutzt und im Nationalsozialismus als Symbole f\u00fcr politische Unterwerfungsphantasien missbraucht, so entdeckten einige nonkonforme Bergsteiger sie in den 1970ern als Orte, an denen sie Selbsttechniken kritisch gegen eine als entsinnlicht und \u00fcberverwaltet empfundenen Gesellschaft einsetzen konnten.Der deutsche Bergsteiger Reinhard Karl beispielsweise versuchte, sich in den Bergen der industrialisierten Gesellschaft zu entziehen.\u00a0<em>&#8222;Ihr wisst ja gar nicht, was es bedeutet, hochzuklettern. Oben zu sein, selbst wenn man Angst hat. Und die Endlosigkeit der unreparierten Autos, die alle auseinander genommen und wieder richtig zusammengesetzt werden m\u00fcssen, die alle aufmich warten, und die Kunden und die Meister, dieses endlose Gewinde, das nie aufh\u00f6rt. Sie verdunkeln mein Leben nur noch f\u00fcnf Tage der Woche, dann krieche ich wie der Luis Trenker der Preu\u00dfen unter dem Auto hervor und fahr zum Battert, und da ist alles anders: Da sind die saubere Luft, der Fels, das Licht, die Wolken, die Sonne und die Sterne.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\u00c4hnliche Motive nennt der S\u00fcdtiroler Bergsteiger Reinhold Messner: Das Bergsteigen stellt f\u00fcr ihn ein Gegenentwurf zum Norm-Lebensstil dar, er sieht es als M\u00f6glichkeit des Ausbruchs aus dem <em>\u201eK\u00e4fig, den das Industriezeitalter geschaffen hat\u201c<\/em>. Bergsteigen wird von Messner und Karl verstanden als Protest gegen die Gesellschaft, die Bergtouren haben nicht zuf\u00e4llig Projektcharakter. Denn das Projekt ist eine Arbeitsmethode, welche sich die Alternativbewegung aneignete, um sich damit von den Produktionsmethoden des Fordismus abzugrenzen.<\/p>\n<div id=\"attachment_152\" style=\"width: 321px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-152\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-152 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/yosemity.jpeg\" alt=\"yosemite\" width=\"311\" height=\"205\" \/><p id=\"caption-attachment-152\" class=\"wp-caption-text\">Klettern im Yosemity Valley, Foto von Reinhard Karl<\/p><\/div>\n<p>Nicht nur das Bergsteigen, auch das Sportklettern, dessen Wurzeln im amerikanischen Yosemite-Nationalpark liegen, hat anf\u00e4nglich Protestcharakter. Karl reist 1975 ins Yosemite Valley, um dort auf eine neue Spezies von Kletterern zu treffen. Es sind Aussteiger, Hippies und Freaks, die \u201evon der Hand in Mund leben.\u201c Karl berichtet: <em>&#8222;Alles hier ist leicht vergammelt. Marihuana, Peote Bottoms und wer wei\u00df was noch f\u00fcr Drogen gehen hier um. Jeder nimmt irgendeinen Stoff, um high zu werden. Faul sein ist hier eine wesentliche Voraussetzung, um ein guter Kletterer zu werden. Die f\u00fcnf Lebensessentials sind in der Reihe der Wichtigkeit: 1. Klettern, 2. Sonnenbaden, 3. Essen, 4. Drogen, 5. Frauen. Das Wort \u201eArbeit\u201c kommt nicht vor.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das Versprechen einer Befreiung von allt\u00e4glichen Normierungen ist hier pr\u00e4sent &#8211; zumindest f\u00fcr M\u00e4nner, denn Frauen kommen bis in die 1980er-Jahre im Bereich des Klettersports lediglich als Statistinnen vor. Damit einhergeht eine Bejahung von ganzheitlichem Erleben, durch welche die strikte cartesianische Geist-K\u00f6rper-Trennung hinterfragt wird. Messner als prominentester H\u00f6henbergsteiger der 1970er und 80er-Jahre wird nicht m\u00fcde zu betonen, wie wichtig ihm das \u201enatural high\u201c, die Selbst- und Naturerfahrung sei: <em>\u201eBergsteigen hei\u00dft f\u00fcr mich eintauchen in die Natur, sie verstehen und mit ihr kooperieren\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Doch das Bergsteigen und Klettersport haben in dieser Zeit nicht nur einen Gegencharakter, sondern auch einen Entsprechungscharakter (Bette) zu den Auspr\u00e4gungen der modernen, rationalisierten Gesellschaft.<\/p>\n<div id=\"attachment_154\" style=\"width: 272px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Messner-Nanga-Parbat.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-154\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-154 size-full\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Messner-Nanga-Parbat.jpeg\" alt=\"Messner Nanga Parbat\" width=\"262\" height=\"193\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-154\" class=\"wp-caption-text\">Reinhold Messner 1978 nach seinem Alleingang ohne Sauerstoff am Gipfel des Nanga Parbat<\/p><\/div>\n<p>Die Bejahung gesellschaftlicher Normen und Zw\u00e4nge zeigt sich in der extremen Selbstdisziplinierung, welche beide Sportarten kennzeichnet. Beim H\u00f6henbergsteigen &#8211; dem Besteigen von Bergen zwischen 6000 und 8000 Metern H\u00f6he &#8211; m\u00fcssen enorme Distanzen, und H\u00f6henunterschiede in vereisten und schneebedeckten Regionen bei Temperaturen bis zu Minus f\u00fcnzig Grad bew\u00e4ltigt werden. Gleichzeitig verringert sich der Sauerstoffgehalt in der Luft, sodass der K\u00f6rper ab der H\u00f6he von 7500 Metern nicht mehr regenerieren kann. Unter diesen \u00e4u\u00dferen Bedingungen wird das schlichte Aufw\u00e4rtssteigen zur Tortur. Messner berichtet:\u00a0<em>\u201eDas Atmen war so anstrengend, dass kaum noch Kraft zum Weitergehen blieb. Nach jeweils zehn bis f\u00fcnfzehn Schritten sanken wir in den Schnee, rasteten, krochen weiter. Ich dachte nicht viel, stieg nur automatisch. (&#8230;) Ich wollte nicht mehr gehen, kriechen, hecheln.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn der K\u00f6rper der H\u00f6henbergsteiger unter der dicken Schutzbekleidung vermummt ist, kommt er in der Erz\u00e4hlung als geschundener, leidender, erbarmungslos vom Willen instrumentalisierter zum Vorschein. Es ist nicht nur eine f\u00fcr sportliche Aktivit\u00e4ten \u00fcbliche Selbstverschwendung, die sich in dieser Form des Umgangs mit dem K\u00f6rper zeigt, sondern ein \u201eSich zur Maschine machen\u201c (Gebauer 2006, S. 166), welches f\u00fcr den modernen Hochleistungs- und Wettkampfsport charakteristisch ist. Durch die Selbstdisziplinierung werden Fremdzw\u00e4nge \u2013 Leistungsnormen modernen Hochleistungssports, die sich an der Berufswelt orientieren \u2013 zu Selbstzw\u00e4ngen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Messner zu Beginn der 80er-Jahre noch mit dem \u201eWettlauf zum Gipfel\u201c, der Besteigung aller vierzehn Achttausender besch\u00e4ftigt ist, wird Karl schon klar, dass die anf\u00e4ngliche Selbstbestimmung in den Bergen der Fremdbestimmung durch sportliche Leistungsnormen gewichen war.\u00a0<em>&#8222;Die 400 Meter senkrechte Wand der Lalidererverschneidung oder die 1000 Meter der Courtes-Nordwand und wie sie alle hei\u00dfen. Die W\u00e4nde, die man alle gemacht haben muss, um als richtig guter Bergsteiger zu gelten. Niemanden interessierte es, nicht Mal mich selbst. Ich war fremdbestimmt. \u00c4hnlich wie ich fr\u00fcher Autos reparieren musste, so musste ich jetzt die Bergtour X, Y oder Z machen. Eine unheimliche Kraft steckte dahinter. Morgens um sieben in die Firma zum Arbeiten, was sp\u00fcrte ich da f\u00fcr eine M\u00fcdigkeit. Aber um ein Uhr nachts \u00fcber einen Gletscher zu laufen, zu einer Eiswand und sich den ganzen Tag daran hochzuarbeiten, was war das erst f\u00fcr ein Zwang, der die Freiheit bringen sollte.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Auch in den gesellschaftsfernen Hoffnungsr\u00e4umen der Berge kann sich das Subjekt der disziplinierenden gesellschaftlichen Macht nicht entziehen. Es zeigt sich, dass die Machtbeziehungen tief im Sozialen verwurzelt sind und keine Struktur \u201eoberhalb\u201c der Gesellschaft bilden, von deren Beseitigung Karl getr\u00e4umt hatte.\u00a0In etwa zeitgleich ver\u00e4ndert sich das Sportklettern vom Kumulationspunkt antikonventioneller Impulse hin zum modernen Leistungssport. Eine differenzierte Schwierigkeitsbewertung basierend auf einem komplexen Regelwerk wird eingef\u00fchrt, der Fokus wird zunehmend darauf gelegt, den Variationsreichtum von Felsstrukturen zu rationalisieren und einem abstrakten Zahlenraster zu unterwerfen. Gleichzeitig wird begonnen, den \u2013 zumeist \u2013 m\u00e4nnlichen Oberk\u00f6rper systematisch zu trainieren, die Erlebniskomponente wird zugunsten der Unterwerfung des K\u00f6rpers unter den Willen zur\u00fcckgenommen. Die Selbstdisziplinierung wird durch strenge Di\u00e4t zus\u00e4tzlich verst\u00e4rkt, da beim Klettern mit einem abgemagerten K\u00f6rper eine Leistungssteigerung einhergeht. Der dadurch sehnig und muskul\u00f6s gewordene Oberk\u00f6rper wird nun \u2013 \u00e4hnlich wie im Modesport Body Building \u2013 weitgehend entbl\u00f6\u00dft und demonstrativ zur Schau gestellt.<\/p>\n<div id=\"attachment_155\" style=\"width: 384px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/dreamcather.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-155\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-155 \" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/dreamcather.jpeg\" alt=\"dreamcather\" width=\"374\" height=\"249\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-155\" class=\"wp-caption-text\">Chris Sharma in &#8222;Dreamcather&#8220;, Squamish, British Columbia, 5.14d \/9a oder 11.Grad<\/p><\/div>\n<p>Im Laufe der 1990er Jahre weicht der Disziplinierungsdiskurs in vielen Bereichen des sich nunmehr stark ausdifferenzierenden und popul\u00e4r werdenden Klettersports der f\u00fcr die Postmoderne charakteristischen Orientierung an ganzheitlichem Erleben. Mehr und mehr pr\u00e4gt ein \u201eGl\u00fccksdiskurs\u201c (Schulze) die Kletterszene, wodurch der Sport auch f\u00fcr Frauen attraktiver wird. Sieht man Chris Sharma, einem amerikanischen Spitzenkletterer zu, so f\u00e4llt auf, dass seine Bewegungen mehr mit Trendsportarten wie Capuera gemein haben, als mit dem traditionellen Felsklettern. Im Video \u201eDreamcatcher\u201c klettert, oder pr\u00e4ziser gesagt, schwingt Sharma (gesichert) entlang eines fast horizontalen Felsbandes, die Beine pendeln in der Luft, und werden mit gezieltem K\u00f6rperschwung von einer Felsdelle zur n\u00e4chsten geschleudert, die H\u00e4nde greifen nicht, sondern schnappen weiter. Mit den neuen K\u00f6rpertechniken einher gehen neue Normsetzungen (Gebauer 2006, S.174). Sharma setzt mit der Dynamisierung des K\u00f6rpers neue Normen im Bereich des Kletterns, diese korrespondieren jedoch auch mit den gesellschaftlichen Programmen zur Temposteigerung und Flexibilisierung.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich Sharma \u2013 durchaus rationalit\u00e4tskritisch \u2013 gegen Routenbewertungen ausspricht und die rebellischen Wurzeln des modernen Klettersports vergegenw\u00e4rtigt, wenn er bei Wettk\u00e4mpfen Ausschl\u00fcsse wegen Marihuana-Konsums provoziert, wird das Widerst\u00e4ndige des Risikosports zunehmend vom neoliberalen Programm vereinnahmt. Denn der Risikosportler weist \u2013 ungewollt \u2013 charakteristische Merkmale des unternehmerischen Selbst auf: Er ist ein \u201eSpezialist f\u00fcr die \u00dcbernahme von Risiken und das Handeln unter Ungewissheit\u201c (Br\u00f6ckling), ist eigeninitiativ, und realisiert st\u00e4ndig neue Projekte, f\u00fcr die er die volle Selbstverantwortung \u00fcbernimmt. Die Figur des Risikosportlers mutiert in der \u201eUngewissheitsgesellschaft\u201c (Bette) von der b\u00fcrgerlichen Antipode der 1970er zum gesellschaftlichen Vorbild, die kritischen Anteile und widerst\u00e4ndigen Momente des Tuns werden gr\u00f6\u00dftenteils vom neoliberalen Diskurs absorbiert. Diese Vereinnahmung zeigt sich unter anderem darin, dass Risikosportler vermehrt als Werbetr\u00e4ger f\u00fcr Versicherungen und Banken fungieren, oder darin, dass der \u00f6sterreichische Energy-Drink Hersteller Red Bull mittlerweile s\u00e4mtliche Risiko- und Extremsportarten &#8211; gemeinsam mit Fu\u00dfball-, Eishockey- und Formel1-Mannschaften \u2013 fl\u00e4chendeckend sponsert.<\/p>\n<p><strong>Conclusio<\/strong><\/p>\n<p>Grenz-Erfahrungen seien eine Provokation, meint Peskoller. In der Postmoderne mit ihrer kunterbunten Vielfalt an M\u00f6glichkeiten stimmt das nur mehr eingeschr\u00e4nkt. Die radikale Nonkonformit\u00e4t eines alpinistischen \u201eGrenzganges\u201c ist aufgehoben in einem flexiblen Normalismus, der viele Spielr\u00e4ume f\u00fcr den Einzelnen er\u00f6ffnet, zugleich jedoch Widerstand und Kritik schwieriger macht.<\/p>\n<div id=\"attachment_115\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/kanzianiberg-029.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-115\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-115 size-medium\" src=\"http:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/kanzianiberg-029-225x300.jpg\" alt=\"kanzianiberg 029\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/kanzianiberg-029-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.waltraudkrainz.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/kanzianiberg-029.jpg 360w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-115\" class=\"wp-caption-text\">Klettern; Foto: Ingo Neumann<\/p><\/div>\n<p>Auch in den postmodernen Bewegungskulturen ist daher den vielf\u00e4ltigen Machtmechanismen nicht zu entgehen, da sie am K\u00f6rper andocken, um das Subjekt indirekt regieren zu k\u00f6nnen. Doch zugleich mit den Imperativen er\u00f6ffnet sich auch eine Differenz zwischen Anspruch und Einl\u00f6sung, die das Subjekt im Sinne der antiken Selbstsorge zu einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst nutzen kann. Zu einer Form der Auseinandersetzung, die experimentell und explorierend, risikofreudig und sinnlich ist. Experimentell wie Sharmas Kletterk\u00fcnste, oder erlebnisorientiert wie der Sprung vom Eiger.<\/p>\n<p>In diesem Sinne kann es gen\u00fcgen, mit der Leichtigkeit einer gro\u00dfen blauen Fledermaus, f\u00fcr eineinhalb Minuten befreit aus den Fesseln der Schwerkraft, eine ber\u00fchmte Nordwand hinunter zu segeln, einfach nur um des Erlebens wegen, f\u00fcr den \u201eGenuss des h\u00f6chsten Augenblicks.<\/p>\n<p>Erschienen in: Sport Studies. Matthias Marschick et al (Hg), UTB, Facultas Wien 2009.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In: Sport Studies hrsg. von Matthias Marschik, Rudolf M\u00fcller, Otto Lenz, Georg Spitaler. Wien: facultas Wut UTB 2009. 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